Die meisten Webentwickler dieser Tage werden, falls sie überhaupt schon auf der Basis von Webstandards arbeiten, mehr oder weniger gezielt CSS 2.1 einsetzen und dabei diverse Hacks und Workarounds nutzen, oder sogar auf den Einsatz bestimmter Selektoren und Eigenschaften komplett verzichten, um in allen Browsern ein möglichst identisches Design zu erzeugen. Diesem Pixelschubser-Relikt aus der Printecke menschlicher Gehirnwindungen stellen Clarke/Holzschlag das auf Progressive Enhancement (stufenweise Verbesserung) basierende Konzept des Transcendent CSS entgegen.
Im Kern geht es zunächst darum, sich sowohl als Webdesigner als auch als Anbieter von der Vorstellung zu befreien, den einen, den bestimmten, den gewollten Entwurf zu realisieren. Stattdessen plädiert Andy Clarke nicht nur für die ungenierte Anwendung von CSS 3. Er geht sogar so weit, die weltweite Vereinheitlichung von Ids und Classes von zentralen Bereichen (Branding-Kopfleiste, Inhaltsbereich usw.) zu fordern, damit Webdesigns leichter ausgetauscht und vor allem von Benutzern lokal beeinflusst werden können. Personalisierte Urheberrechte (oder vielleicht doch nur persönliche Eitelkeiten?) werden zugunsten kollektiver Prototypen und öffentlicher Zusammenarbeit aufgegeben.
Für Gestalter klingt das vordergründig ungewöhnlich bis missachtend, versucht aber letztlich nur, eine Denkweise kreativer Spielräume in Teams zu etablieren, wie sie bei Autoren schon sehr erfolgreich angewendet wird. Man denke nur an Wikipedia. Hier gilt: Content is King. Und trennt man das Design von der (HTML)-Struktur, sind der Gestaltung auch keine Grenzen gesetzt. Deshalb geht es auch nicht so sehr um anbieter-, autoren- oder entwicklerzentrierte Interessen, sondern um medienaffines Handeln und die Reichweite von Inhalten.
Es handelt sich aber bei weitem nicht nur um ein philosophisches Buch. Das ist nur der Anfang, um Irrwege zu vermeiden. Bereits im Vorwort wird die produktive Herausforderung auf den Punkt gebracht: Webentwicklung ist ein Januskopf, bei dem die Visualisierung der Inhalte und die lineare Logik eines Online-Dokumentes vereint werden sollen. Was so manchem schon häufig als unvereinbar erschien, wird in diesem Buch als spielerisch einfach präsentiert. Das Buch ist prall gefüllt mit Code- und CSS-Designbeispielen, die der Praxis entnommen sind und – das ist das gleichermaßen Wichtigste wie Einprägsamste – die sich immer an den inhaltlichen Herausforderungen konkreter Projekte und Übungen orientieren.
Im Detail sieht das beispielsweise so aus: Haben Sie schon einmal die Fotografie einer Schlange mit Taxis, die am Bahnhof oder Flughafen auf neue Kundschaft warten, in semantisches HTML übersetzt? Geht nicht? Geht sehr wohl! Das ist nur eine von vielen vorgestellten Möglichkeiten, wie die beschriebene (Denk-)Synthese von Linearität und Design erreicht werden kann. Oder wie sagt man so gerne: das ist Technik, die begeistert! Auch die Übersetzung ins Deutsche von Jürgen Dubau zeugt von Sachverstand und muss sich vor nichts verstecken.
Es handelt sich aber auch nicht nur um ein praktisches Buch. Das Werk selbst ist ein ästhetischer Genuss. Das beginnt beim quasiquadratischen Format und geht weiter bei der reichhaltigen und liebevollen Bebilderung. Zahlreiche Screenshots aus Best-Practice-Projekten spiegeln die Haltung der Autoren ebenso wider wie die aufwändigen, illustrierenden Fotografien und Montagen, die Freude und Interesse am Lesen und vor allem am Lernen wecken. Selbstverständlich muss man den Autoren nicht in allem folgen. Aber in diesem Buch findet man zahlreiche Inspirationen und wird auf den Stand der Dinge in Sachen moderner Webentwicklung gebracht. Der Kauf dieses Buches ist demnach in jedem Fall eine Investition in die Zukunft. Oder etwas drastischer ausgedrückt: dieses Buch ist ein Muss für jeden Profi, der einen Editor öffnet.




