Vergangenes Jahr hat ein Blog-Karneval verhältnismäßig hohe Wellen geschlagen. Die Rede ist von der "Accessibility Blog Parade – Über Barrieren im Netz". Sie wurde von der österreichischen Inititive MAIN_Medienarbeit Integrativ ins Leben gerufen und hat weite Kreise der Accessibility-Szene auf den Plan gebracht. Nach einigen Folgetreffs im echten Leben haben die Initatorinnen Beate Firlinger und Brigitta Aubrecht das Logbuch Accessibility herausgegeben. Wer annimmt, es handle sich dabei um ein Wordpress2Book-Projekt, irrt gewaltig. Denn zum einen ist auch den meisten Bloggern das Hemd näher als die Jacke, weswegen viele Beiträge ohne Backlinks in den eigenen Blogs veröffentlicht wurden. Zum anderen sind die beiden Herausgeberinnen auf Spurensuche gegangen und haben das vielfältige Material neu zusammengetragen.
Herausgekommen sind dabei vier Decks im Dickschiff Accessibility: Zuerst ist da die Brücke, wo der Kurs bestimmt wird. Einige der AutorInnen tummeln sich im Ausguck, wo jede/r etwas anderes sieht. Andere vergraben sich wiederum im Maschinenraum und einige suchen nach den nächsten Bojen und Leuchttürmen, um Accessibility X.0 eine Perspektive zu geben. Insgesamt 36 Logbucheinträge geben Zeugnis von dieser Schifffahrt, bei der die Kombüsendamen sämtliche Beiträge sorgfältig gesichtet und – wo notwendig – gekürzt haben. Entstanden ist eine verdichtete, in den gegenwärtigen Arbeitsalltag eingebundene Positionsbestimmung des barrierefreien Internets im Wust von Web 2+x und WCAG 1+x.
Den Herausgeberinnen gelingt es, durch eine geordnete Zusammenstellung der kursierenden Inhalte so manches Gemüt zu kühlen. Wer allerdings eindeutige Navigationshinweise erwartet, könnte enttäuscht werden. Denn die Messbarkeit von Blickwinkeln ist recht schwierig. Dies gilt auch dann, wenn Eindeutigkeiten durch die eigene Perspektive verstellt werden. Besonders deutlich zeigt sich das bei der Begriffsbestimmung von Barrierefreiheit im Internet. Sehen Spezifikationen und Gesetze hier in erster Linie die Aufgabe zur Teilhabe von Menschen mit Behinderungen, fühlt sich so mancher Webworker in seinem universellen Ansatz zurückgesetzt. Diese und viele weitere Kontroversen spiegeln den Stand der Dinge wider. Mit einem Wort: Es menschelt gewaltig bei den Accessibilitistas. Weniger wichtig ist hierbei die Entlarvung von Begriffspiraten. Vielmehr zeigt es, dass so manche Seeroute im Wellengang des digitalen Weltmeeres erst noch entdeckt werden muss. Manchmal scheint es so, als ob man zwar den Leuchtturm kennt, zu dem man fahren möchte, den Hafen aber nicht sieht und somit auch nicht den Weg bestimmen kann, der zu ihm führt. Aber in Anbetracht der verhältnismäßig kleinen Narben, die bei solchen Stapelläufen zurückbleiben, ist Optimismus gerechtfertigt. Ein schwieriges Korallenriff gilt es allerdings noch zu durchkreuzen. Der Abgleich von AJAX und Accessibility ging bisher im "Schnellschnell" des Web2.0 unter. Hier ist noch einiges zu erforschen und auch weiterzuentwickeln.
Das Logbuch Accessibility bringt den Leser in angemessener Kürze auf den Stand der Dinge. Ergänzt wird der Inhalt durch ein Glossar mit den zentralen Fachbegriffen zum Thema. Übrigens: Das Buch ist auch unter der Creative-Commons-Lizenz kostenlos als barrierefreies PDF zu haben.



