Die Wikimania 2005, der erste internationale Kongress der Wikipedia-Community, fand vom 4. bis 7. August in Frankfurt am Main statt. Dabei war die Wahl Deutschlands als Austragungsort eine Reminiszenz daran, dass die deutsche Wikipedia-Community derzeit die aktivste außerhalb des angloamerikanischen Raums ist. Ein weltweites Projekt wie Wikipedia braucht gelegentlich die Möglichkeit, die Community physikalisch zusammenzubringen. Die Wikimania wurde als solch eine Gelegenheit konzipiert, die Leute zu treffen, die in den Wikimedia-Projekten an zentraler Stelle arbeiten.
Und diese Aussicht bewog offensichtlich viele Medien, dem mittlerweile mit diversen Preisen dekorierten, aber sonst außer einer Webseite optisch weitgehend unsichtbaren, Projekt die Aufwartung zu machen. Im Haus der Jugend trafen sich über 400, meist männliche, Konferenzteilnehmer aus mehr als 50 Ländern (ca. 50 Prozent kamen aus dem Ausland) und aus den unterschiedlichsten Altersgruppen, denen mit fast 80 anwesenden Journalisten ein riesiges Medieninteresse entgegen schlug. Die freie Enzyklopädie trifft mittlerweile auf breiter Front auf solche Beachtung, dass sich sowohl Lokalreporter als auch Vertreter der großen Illustrierten und Tageszeitungen bis hin zu mehreren TV-Anstalten samt zahlreichen internationalen Medienpropagandisten einfanden.
Das Phänomen Wikipedia wird offensichtlich immer mehr zum gesellschaftlichen Event, denn die Zielgruppe der meisten Medienvertreter war explizit nicht im DV- und Open-Source-Umfeld zu suchen, wie es sonst bei Open-Source-Veranstaltungen der Fall ist. Im Gegenteil -- die üblichen Verdächtigen der Medienlandschaft waren kaum vor Ort. Dementsprechend konnte man auf der Pressekonferenz an Hand der Fragen einiger Journalisten erkennen, dass diese bisher weder ein Wiki gesehen hatten noch verstanden, wie eine Community funktioniert. In den Veranstaltungen für die eigentliche Community waren dagegen fachlich versiertere Fragen als auch kritische Töne zu hören. Ob beispielsweise die vollkommene Freiheit der Information nicht im Widerspruch zur Wahrung der individuellen Privatsphäre steht und wie die Entwicklung des Projekts in den unterentwickelten Teilen der Welt vorangetrieben werden kann?
Auf den verschiedenen Veranstaltungen der Konferenz wurden sowohl Studien und Erfahrungen mit Wikipedia und anderen Projekten der Wikimedia Foundation präsentiert als auch in Vorträgen, Workshops und Tutorials soziale Kontakte geknüpft und vertieft. Die ganze Veranstaltung zeigte sich erfrischend chaotisch bis unprofessionell organisiert. Probleme mit dem Mailserver im Vorfeld und eine nicht gerade perfekte Ankündigung im Wikipedia passten zu dieser Unverbrauchtheit der Bewegung. Eine Jugendherberge als Tagungsort mit Konferenzräumen voller Universitätscharme verlieh der Veranstaltung ebenfalls einen fast studentischen Vorlesungscharakter. Doch diese Äußerlichkeiten sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass mit dem Wikipedia-Projekt eine Kraft im Informationsumfeld entstanden ist, die in Zukunft wie ein Sturm bisherige Informationsgewohnheiten hinwegfegen kann. Schätzungen über den fiktiven Wert der Wikipedia-Webpräsenz reden von 400 Millionen Dollar.
Beeinflusst von einer Rede des berühmten Mathematikers David Hilbert auf dem Weltmathematikerkongress im Jahre 1900, wo dieser eine Liste mit 23 mathematischen Problemen vorstellte, postulierte Jimmy "Jimbo" Wales, der Gründer und Godfather der Bewegung, in seiner Keynote zehn aktuelle To-Dos für das Wikipedia-Projekt. Und deren zentrale Aussage kann man mit "Freiheit" zusammenfassen. Neben der schon in Wikipedia angelaufenen Freiheit für das Wissen, die vor allem in den Industrieländern seit weit gediehen ist, umfassen die Visionen für zukünftige Aufgaben unter anderem die Freiheit der Musik und der Kunst, der Dateiformate, der geografischen Landkarten oder der Produktidentifikationen. Diese plakativen Aussagen stellte Jimbo Wales gewohnt smart mit differenzierten Ausführungen zu Details zur Diskussion. So soll Freiheit für die Musik zum Beispiel bedeuten, dass rechtefreie Musik von Nachwuchsorchestern eingespielt und ins Netz gestellt wird. Und schnell zeigte sich, dass die Community noch weitere Vorstellungen hat, in welche Richtung das Wikipedia-Projekt, das sich Wales als eine Art Rotes Kreuz der Information vorstellt, vorangetrieben werden sollte. Von Forderungen nach einer wirklich freien Suchmaschine -- begründet über die Vision des Monopolisten Google samt befürchteter Zensur als Horrorszenario -- bis hin zu Aktivitäten zur Befreiung von Medizinpatenten und dem Schutz vor Drogen wurden viele hehre Ziele als zukünftige Wege der Wikipedia-Foundation vorgeschlagen. Man konnte sich nicht des Eindrucks erwehren, dass der Erfolg seine Kinder zu fressen droht. Dieser immense Erfolg von Wikipedia erhöht den gefährlichen Druck, für alle Probleme der Welt eine Lösung bereitstellen zu müssen. Andererseits lebt eine Community genau von solchen Phantasien und Anregungen und das weitere Voranschreiten von Wikipedia wird nicht aufzuhalten sein. Jimbo Wales antwortete auf die Frage, was Wikipedia töten könne, mit "Nichts".
Ralph Steyer

























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