Eigentlich hat es schon lange in der Luft gelegen, aber so recht daran glauben wollte niemand: Borland, die Traditionsschmiede für Entwicklungstools, trennt sich von ihren Wurzeln. Delphi, C++Builder, JBuilder und weitere Entwicklungsprodukte werden verkauft, sofern sich ein Interessent für sie finden wird; das Hauptgeschäft soll im Bereich der Application Lifecycle Management- (ALM)Tools liegen.
Durch Eclipse war das Geschäft mit der einstmals führenden Java-Entwicklungsumgebung JBuilder de facto zum Erliegen gekommen. Und durch Microsofts Schwenk zu .NET gerieten aber auch die Windows-Experten bei Borland in arge Bedrängnis. Die Qualität der Delphi-Versionen für .NET überzeugte die Delphi-Community nur mäßig und auch die Begeisterung für .NET hielt sich dort in Grenzen.
In einem offenen Brief schreibt David I., Vice President Developer Relations: "I am moving forward as part of the new company with a huge smile on my face and a small tear in my eye." Die knappen Finanzmittel innerhalb der letzten zwei Jahre seien allzu oft in den ALM-Bereich investiert worden, die IDE-Sparte sei leer ausgegangen, schreibt David weiter.
Ausgegliedert werden im Einzelnen die Entwicklungsumgebungen Delphi, JBuilder, C++Builder, C#Builder und Kylix (das gar nicht mehr verkauft wird) sowie die Datenbanktechnologien InterBase, JDataStore, nDataStore.
Eclipse zu spät erkannt
Tatsache ist, dass mit IDEs im Java-Markt kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist. Eclipse überzeugt schließlich nicht nur dadurch, dass es kostenlos ist, sondern auch durch eine glänzende Architektur und seine hohe Stabilität und Qualität. War es um die Jahrtausendwende noch Borland gewesen, das um seine JBuilder-Plattform Primetime herum eine beachtliche Community von Tool-Zulieferern versammeln konnte, spielt die Plug-in-Musik heute ausschließlich bei Eclipse.
Wer sich an Borlands Lizenzpolitik beim JBuilder in den letzten drei Jahren erinnert, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass man hier gerade noch herausholen wollte, was noch herauszuholen ging: Im Halbjahres-Rhythmus warfen die Borländer neue Major-Releases auf den Markt, zu saftigen Preisen. Was in manchem Großunternehmen noch vermittelbar schien, erschien dem Großteil der JBuilder-Gemeinde nicht mehr akzeptabel. Sie wechselte zu Eclipse.
Ohne Zweifel - Eclipse wurde von der Borland-Führung viel zu spät erkannt. Dabei hätten die Kalifornier eventuell noch die Möglichkeit gehabt, sich frühzeitig als Added-Value-Anbieter für Eclipse zu positionieren. Ein starkes Together für Eclipse war zum Zeitpunkt der Togethersoft-Übernahme bereits vorhanden ... Aber die Borländer zogen es vor, ihre Produkte zunächst gegen Eclipse zu positionieren und einen verzweifelten Kampf gegen eine sich weltweit formierende Eclipse-Community zu kämpfen. Heute basieren mehrere Produkte der ALM-Reihe auf Eclipse.
Auch bei Delphi: David gegen Goliath
Auch mit Delphi konnte Borland kaum noch punkten. Gegen Microsofts enorme Anstrengungen bei Visual Studio konnte die Entwicklungsmannschaft aus Scotts Valley nur wenig ausrichten. Die sanfte Migration von VCL zu VCL.NET, an und für sich ein bestechendes Konzept, vermochte nur wenig Begeisterung in der Delphi-Gemeinde hervorzurufen. Zur EKON im September letzten Jahres allerdings konnte man etwas erleben, was in der Delphi-Welt selten geworden war: Begeisterung. Die Weltpremiere der Betaversion von Delphi 2006 wartete zum ersten Mal seit Jahren mit Features auf, die die Herzen der Gemeinde gewinnen konnten (siehe Dexter - die Enthüllung).
Ein zweites Inprise vermeiden
Schon einmal wollte die Entwickler-Company aufsteigen in die Welt der Infrastrukturanbieter für große Unternehmen, wo Geschäfte eher auf dem Golfplatz als im Online-Shop oder am Messestand abgeschlossen werden. Der Name Inprise jedoch konnte nicht so rasch im Enterprise-Markt Fuß fassen wie das Vertrauen der klassischen und loyalen Borland-Fangemeinde sank. Del Yocam, Vater der Inprise-Strategie, musste infolgedessen abdanken, Dale Fuller übernahm das Ruder und kehrte zurück zum bewährten Borland-Brand.
Nun stehen die Borländer vor der Herausforderung, sich im Markt von IBM, Oracle, Mercury, Serena und Compuware zu etablieren. Nur mit einer überzeugenden Management-Strategie und exzellenter Technologie werden hier Gewinne zu erzielen sein. Schließlich ist Borland zwar anerkannter Experte im ALM-Business, gehört allerdings nicht zu den Big Playern. Die Übernahme von Segue Software ergänzt Borlands ALM-Portfolio immerhin um wichtige Komponenten wie Load und Funcational Testing. Zusammen mit den zahlreichen weiteren getätigten Übernahmen wie Legadero (IT Governence Tools und Know-how) sowie Teraquest (Geschäftsprozesse und Projektmanagement) finden sich interessante Technologien in Borlands Portfolio, die jetzt nur noch zu Silber gemacht werden müssen.
Am meisten Kopfzerbrechen wird dem Borland-Management natürlich die Frage bereiten, ob die Strategie auch von der Wall Street honoriert wird. Die gestrige Ankündigung quittierte die Börse allerdings mit sinkenden Preisen für die Borland-Aktie.

























Kommentare