Samstag, 4. Februar 2012

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präsentiert von: entwickler.com
Mittwoch, 1. November 2006

Naked XML: Der Klebstoff im Internet

Martin Szugat

Anfangs wurde XML als Allheilmittel verkauft, dann wurde es schlecht geredet und heute ist es überall und doch nicht sichtbar.

XML, woher kommst Du?
Es ist nicht sichtbar, weil XML heute funktioniert. Wo keine Probleme, da keine Aufmerksamkeit. Die Gründe, weshalb XML heute besser funktioniert als gestern sind vielfältig. Erfahrung ist ein wesentlicher Punkt. Erfahrung, was man mit XML besser machen kann und was man besser sein lassen sollte. Erfahrung, wie man Probleme mit XML löst und wie man Probleme in XML löst. Keine Frage, Probleme mit XML gibt es auch weiterhin. Doch es sind eben bekannte Probleme und daher keiner Erwähnung mehr wert. XML ist zur Selbstverständlichkeit geworden.

XML funktioniert auch, weil man es sich heute einfach macht oder vielmehr weil man es den anderen leicht macht, was oftmals gar nicht so einfach ist. Keep it simple, stupid! Ja, halt es einfach, Dummkopf! So der Tenor des im Web 2.0 allgegenwärtigen KISS-Prinzips, denn auch im Web hat man erkannt: Der Mensch ist dumm. Was zu kompliziert ist, wird gerne übersehen oder falsch gemacht. Ja, XML-Namespaces, XML-Schema und RDF sind kompliziert und wurden daher oftmals nicht beachtet. Wer es dennoch mit ihnen wagte, wurde nur allzu oft ignoriert.

Ebenso wie große Aufmerksamkeit zu noch mehr Aufmerksamkeit führt, so führt auch Nichtbeachtung zu weiterer Nichtbeachtung. Ein XML-Format, mit dem niemand seine Daten formatieren möchte, weil es zu kompliziert ist, ist wertlos. Denn wenn es keine Daten gibt, gibt es keine Aufmerksamkeit. Und im Umkehrschluss: wo keine Aufmerksamkeit, da keine Daten. XML ist eben ein Austauschformat. Und das kennen wir bereits vom Geld. Es ist wertlos, wenn es nichts zu kaufen gibt.

Heute redet niemand mehr über XML. Die Aufmerksamkeit bekommen vermeintlich andere. Man spricht über SOAP, RSS und ODF und vergisst: das ist XML. XML ist eine Metasprache und SOAP, RSS und ODF sind die Sprachen, die mit XML geschrieben wurden. Doch selbst die sprechen nur wenige, denn – und hierin liegt ein weiterer Grund für den Erfolg von XML – die zahllosen APIs und DOMs übersetzen das babylonische Sprachwirrwarr in eine Sprache, die der Entwickler versteht: Java, C# oder PHP heißen sie.

XML, wo bist Du?
Es ist überall – ob im Semantic Web, im Social Web, im Mobile Web oder im Real World Web: XML hält das Web zusammen. Das Web 1.0 war HTML, das Web 2.0 ist XML. Web 2.0 ist vor allem auch AJAX und AJAX ist eben „Asynchronous JavaScript and XML“.

Da macht es auch keinen Unterschied, wie die XML-Daten zum Kunden kommen: per REST oder per SOAP – eine Frage des Geschmacks. Die Grundlage ist stets XML. Der Brei, der entsteht, wenn die XML-Flüsse aus den diversen Web Services zusammenfließen, nennt sich Mashup und wäre ohne XML nicht denkbar, im wahrsten Sinne des Wortes.

Angefangen hat das Mischen und Mixen von Webanwendungen und Webdiensten mit RSS – der denkbar leichtgewichtigsten Form eines Web Services. Und weil RSS so leicht ist, ließ es sich auch leicht anhäufen – die Aggregation, die Vorstufe des Mashups, war geboren. Das Futter für den Aggregator, die RSS-Feeds, kommen von überall: Nachrichtenseiten, Blogs und Suchmaschinen verbinden sich über RSS mit ihren Kunden, Lesern und Nutzern.

Noch ein Beispiel für ein erfolgreiches Austauschformat gefällig? Die Keyhole Markup Language ist so eines. Keyhole, das ist der Name einer Typenserie von US-Spionagesatelliten. Die lieferten die Aufnahmen für Google Earth. Mit der KML lassen sich zusätzliche Informationslayer in den virtuellen Weltatlas einbinden. Websites, die Daten im KML-Format exportieren, schießen zurzeit wie Pilze aus dem Boden. Und was ist der Nährboden hierfür? Klar, XML.

Schön, werden Sie sagen, aber das hat mit meiner Arbeit herzlich wenig zu tun. Stimmt sehr wahrscheinlich, denn das sind nur die Erfolgsgeschichten. Ungenannt bleiben die vielen Projekte, die an XML scheitern. Ja, an XML führt heute kein Weg mehr vorbei, aber noch haben sich nicht alle auf die Reise gemacht. Vielleicht weil der passende Reiseführer noch nicht geschrieben ist oder die Wunden vom letzten Ausflug in die Welt der spitzen Klammern noch nicht verheilt sind. Selbst wenn einige Globetrotter bereits erfolgreich von dort zurückgekehrt sind, der Massentourismus hat noch nicht begonnen.

XML, wohin gehst Du?
Das Tal der Desillionisierung hat es durchschritten und das Plateau der Produktivität liegt vor XML. Der Pfad der Erleuchtung – wie Gartner eine der Phasen seines Hype-Zyklus nennt – hat für XML erst begonnen. Auf diesem Weg möchte ich Sie, liebe Leser und XML-Entwickler, begleiten und Ihnen ein wenig die Zeit verkürzen, mit kritischen Betrachtungen und mit dem ein oder anderen bissigen Kommentar.

Viel Freude bei Ihrer Arbeit, wünscht Ihnen

Martin Szugat

Martin Szugat ist Autor der XML-Corner im dot.net magazin und Sprecher auf der BASTA und der kommenden webinale. Zusammen mit zwei Kollegen hat er für entwickler-press ein Buch über das Social Web geschrieben. Zudem arbeitet er am Bioinformatik-Institut der LMU München an XML und Web Services-Projekten. Über Feedback und Fragen freut er sich unter Martin.Szugat[at]gmx.net oder in seinem Blog unter www.aboutxml.de.

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