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zu Ausgabe: 03.2003
Linux wächst in den Mid-Tier-Bereich hinein
Dr. Eckardt Kehl von Fujitsu Siemens Computers
von Nadja Rosmann
Fujitsu Siemens Computers engagiert sich schon seit geraumer Zeit im Bereich Linux. Wir sprachen mit dem Linux-Verantwortlichen des Unternehmens Dr. Eckardt Kehl über die Linux-Strategie von Fujitsu Siemens Computers und über aktuelle Entwicklungen in den Bereichen High Performance Computing, Office-Desktops und Business Critical Computing.


Linux Enterprise: Fujitsu Siemens Computers hat sich ja schon relativ früh im Bereich Linux engagiert. Dennoch nimmt man das Unternehmen nicht besonders deutlich als Company mit starker Linux-Affinität wahr. Soll sich das mit Ihrer Ernennung zum Director Linux Business nun ändern?
Dr. Eckardt Kehl: Fujitsu Siemens Computers hat in der Tat die Chancen und das Potenzial von Linux sehr früh erkannt und entsprechend reagiert. So waren wir nicht nur das erste IT-Unternehmen, das Linux-Cluster für technische Simulationen in der Automobil-Industrie erfolgreich vermarktet hat, sondern auch das erste Unternehmen, das SAP R/3 auf Linux unterstützt und angeboten hat. Heute bildet Linux eine zentrale Plattform für unser Produkt-, Lösungs- und Dienstleistungsangebot. Es ist meine Aufgabe, unser Linux-Geschäft und Angebot weiter auszubauen und die Marketing-Aktivitäten zu verstärken.


LE: Fujitsu Siemens Computers setzt ja vom Thin Client bis hoch in die Sphären des High Performance Computings auf Linux. Wie hoch ist denn der Prozentsatz der Kunden insgesamt, die sich für Linux-basierte Lösungen entscheiden? Welche Anteile entfallen auf die Betriebssysteme Unix und Windows?
Kehl: Linux ist ein Wachstumsmarkt mit Zuwachsraten im zweistelligen Bereich. Allerdings ist die Einsatztiefe von Linux sowohl branchen- als auch plattformabhängig. Sie haben unser gesamtes Produktspektrum vom Thin Client bis hin zu High Performance Computing Lösungen angesprochen. Während Linux im Client- und Desktop-Bereich heute noch eine untergeordnete Rolle spielt - allerdings mit deutlich steigender Tendenz -, laufen unsere High Performance Computing-Systeme nahezu vollständig auf Basis-Linux. Der Schwerpunkt unserer Linux-Umsätze erfolgt mit Intel Server Systemen im Segment der kleinen bis mittleren Server. Hier hält Linux einen Anteil von etwa elf Prozent.


LE: Auf dem LinuxTag haben Sie ja eine breite Palette an Linux-Angeboten, von PCs über Web-Serverfarmen bis hin zu Cluster-Lösungen vorgestellt. Wo liegt denn der Schwerpunkt der Linux-Aktivitäten von Fujitsu Siemens Computers?
Kehl: Fujitsu Siemens Computers arbeitet auch im Bereich Linux eng mit seinen Muttergesellschaften zusammen. So fließt die Entwicklungsarbeit von Fujitsu in unsere Middleware- und Infrastruktur-Lösungen ein, die wir gemeinsam mit Partnern wie Siemens Business Services zu umfangreichen Enterprise-Lösungen ausbauen. Der Schwerpunkt der Aufgaben von Fujitsu Siemens Computers liegt auf den Themenfeldern Produktbereitstellung, Qualitätssicherung, Middleware und Infrastrukturlösungen.

Produktbereitstellung fängt mit der Linux-Zertifizierung an, auf die Fujitsu Siemens Computers großen Wert legt. So ist nicht nur unsere gesamte Intel-basierte Server-Linie sowohl für die Red Hat- und SuSE-Enterprise-Versionen zertifiziert, sondern auch ein Großteil unserer Intel Client-Systeme ist für die SuSE Professional-Variante freigegeben. Mit Blick auf den gewünschten Investitionsschutz und die kontinuierliche, langfristige Unterstützung unserer Kunden zertifizieren wir neue Enterprise-Linux-Releases über den gesamten Lebenszyklus unserer Server-Produkte hinweg.

Auf Basis der genannten Distributionen bietet Fujitsu Siemens Computers ein umfangreiches Spektrum an Middleware und Infrastrukturlösungen an. Diese reichen von grundlegenden Komponenten zur Systemüberwachung und Steuerung über ausgefeilte Produkte zum Clustering bis hin zu vollständigen Solution-Stacks. Als Arbeitsschwerpunkte sehen wir die Felder Systemmanagement und Clustering für Hochverfügbarbeit, für resilient Telco-Anwendungen sowie für das High Performance Computing.


LE: Mit welchen Distributoren arbeitet Fujitsu Siemens Computers schwerpunktmäßig zusammen?
Kehl: Fujitsu Siemens Computers arbeitet fokussiert mit Red Hat und SuSE zusammen. Allerdings werden unsere Produkte auch über eine Vielzahl von Lösungs- und Vertriebspartnern angeboten, die teilweise weitere Distributionen in Eigenarbeit zertifizieren und anbieten. Im asiatischen Raum werden unsere Produkte durch Fujitsu projektbezogen auch mit Turbolinux angeboten.


LE: Wie wird sich die UnitedLinux-Initiative auf dieses Engagements auswirken? Sie haben ja in der letzten Zeit sehr viele Lösungen auf der Basis von Red Hats Advanced Server angeboten.
Kehl: Wir begrüßen die Gründung von UnitedLinux und werten ihn als Schritt in Richtung Konsolidierung, den wir für richtig halten. UnitedLinux bringt Partner unter ein Dach, mit denen Fujitsu Siemens Computers und unsere Muttergesellschaften bereits eng zusammenarbeiten. Die Bedeutung von Turbolinux für den asiatischen Markt und die darauf aufbauende Vermarktung unserer Produkte durch Fujitsu hatte ich bereits erwähnt. Mit SCO hält sowohl Fujitsu Siemens Computers, insbesondere aber auch Siemens enge Geschäftsbeziehungen. Damit entsteht mit UnitedLinux eine Partnerschaft, aus der sich für Fujitsu Siemens Computers Synergien ableiten.

Gleichzeitig haben wir nachhaltiges Interesse, unsere enge Zusammenarbeit mit Red Hat weiter auszubauen. Red Hat Advanced Server stellt eine zentrale Komponente unseres Linux-Angebots dar und bildet die Grundlage für eine Vielzahl von Lösungen, die von unseren Kunden sehr erfolgreich eingesetzt werden. Die Entscheidung für die eine oder andere Distribution trifft nicht Fujitsu Siemens Computers. Wir können von Fall zu Fall als Berater fungieren, möchten aber unseren Kunden diesen Entscheidungsspielraum sehr bewusst offen halten.


LE: Welche Chancen sehen Sie für Linux auf den Office-Desktops? Werden hier mittelfristig vor allem Thin Clients gefragt sein, oder sehen Sie langsam auch für vollausgestattete Desktop-Rechner einen Markt bzw. was lässt sich hier überhaupt auf Basis von Linux realisieren?
Kehl: Das Thema Linux auf Office-Desktops und Thin Clients gewinnt zunehmend an Interesse. Die Anforderungen der öffentlichen Hand sind hier als treibende Kraft zu nennen. Die Frage, ob Thin Clients oder vollausgestattete Desktop-Rechner zum Einsatz kommen, hängt von vielen Randbedingungen ab. Die Applikationsanforderungen definieren maßgeblich die benötigten lokalen Ressourcen. Fujitsu Siemens Computers bietet für beide Szenarien optimierte Lösungen an.

Bei den Thin Clients eröffnen unsere FUTRO-Systeme mit Embedded Linux-Betriebssystem, eLux, Konfigurations- und Management Tools, SCOUT und ELIAS sehr interessante Möglichkeiten. In Kombination mit unserer Blade-Technologie auf der Server-Seite bieten wir so eine Lösung an, die sich durch ein Höchstmaß an Sicherheit, Skalierbarkeit und Service-Freundlichkeit auszeichnet.


LE: In welchen Einsatzgebieten ist denn die Kundennachfrage nach Linux-Lösungen gegenwärtig am größten und warum?
Kehl: Der überwiegende Teil des Linux-Geschäftes findet nach wie vor im Frontend-Server-Bereich und im Bereich der Infrastrukturlösungen statt. Die typischen Einsatzgebiete wie Web-Server, Firewall-Systeme, Print-, File- und Terminal-Server sind hier die Vorreiter. Dies hat einerseits mit dem Entwicklungsstand und Reifegrad von Linux selbst und andererseits mit den zur Verfügung stehenden Anwendungen zu tun. Bei aller Begeisterung für die Plattform Linux müssen wir berücksichtigen, dass Linux in einigen Bereichen den Anforderungen an ein Unix High-End-System heute noch nicht genügt. Gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass Linux in den kommenden Jahren zunehmend Unix High-End-Segmente adressiert und auch hier zu einer tragfähigen, wettbewerbsfähigen Plattform reift.


LE: Welche wichtigen Projekte haben Sie denn bisher im Business Critical Computing unter Linux realisiert?
Kehl: Ich hatte bereits unsere Zusammenarbeit mit SAP angesprochen, die wir auch im Linux-Bereich kontinuierlich ausbauen und in gemeinsame Lösungen umsetzen. Die größte Installation ist die Umstellung der Lohn- und Gehaltsabrechnung der Siemens AG auf mySAP HR unter der nun nahezu 300.000 Mitarbeiter erfasst und verwaltet werden. Linux Enterprise hatte in seiner Dezember Ausgabe 2002 ja bereits darüber berichtet. Gemeinsam mit SAP und unserem SAP Linux Competence Center haben wir mittlerweile eine Lösung erarbeitet, die mySAP.com und SAPDB komplett auf Linux abbildet. Die mit Blade-Technik kombinierbare Lösung ist über unsere PRIMECLUSTER-Komponente mit hochverfügbaren Control Nodes und einem Storage-Subsystem auf Basis Network Appliance ausgelegt. Fujitsu Siemens Computers stellt diesen innovativen Solution Stack im Detail auf der kommenden CeBIT auf unserem Messestand in Halle 1 vor. Erste Installationen bei Kunden wurden sehr erfolgreich durchgeführt.

Eine zentrale Komponente für unser Linux-Geschäft ist auch Oracle 9iRAC und darauf aufbauende Anwendungen, die unsere Kunden sehr erfolgreich einsetzen. So werden beispielsweise bei der Polizei in Nordrhein-Westfalen zentrale 9iRAC Datenbank-Server unter Linux betrieben. Das Ziel einer Server-Zentralisierung unter Berücksichtigung der erforderlichen Skalierbarkeit und Hochverfügbarkeit konnte in der Kombination von Linux und 9iRAC mit erheblichen Kostenersparnissen realisiert werden.


<b>LE: Und wie sieht es in den Bereichen CAD/CAE, Visualisierung und 3D-Rendering aus?</b>
Kehl: Mit der hpcLine, unserer integrierten Linux-Cluster-Lösung für technisch wissenschaftliche Anwendungen, sind wir insbesondere im CAE-Bereich sehr erfolgreich. Dabei ergänzen sich ideal hpcLine-Linux-Cluster als Backend-Simulationsrechner und Celsius Workstations als Frontend-Systeme für Visualisierungsaufgaben. In der Automobilindustrie beispielsweise haben Linux-Cluster für CAE-Aufgaben ihren festen Platz und hpcLine-Systeme von Fujitsu Siemens Computers sind bei nahezu allen Automobilherstellern in Deutschland und weiteren namhaften Anbietern in Europa im Einsatz. Auch die Zulieferindustrie setzt mit großem Erfolg hpcLine-Systeme ein. Als Themenschwerpunkte sind generell Crash-Simulation und Computational Fluid Dynamics zu nennen. Darüber hinaus werden hpcLine-Systeme zunehmend auch für andere rechenintensive Aufgaben in den Segmenten Electronic Design Automation und Bio-Informatik eingesetzt.


<b>LE: Wo sehen Sie die Stärken von Linux-Systemen im Vergleich zum Einsatz von Unix-Derivaten und im Vergleich zu Windows?</b>
Kehl: Hier gibt es technische, konzeptionelle und betriebswirtschaftliche Aspekte. Die TCO-Diskussion über Linux im Vergleich zu Unix und Windows wird intensiv und kontrovers geführt. Ich begrüße diese Diskussion, zeigt sie doch zunächst einmal, wie ernst Linux als Plattform genommen wird. Linux hat in der Kategorie der Scale-out-Anwendungen (Webserver-Farmen sind wohl das bekannteste Beispiel) einen festen Platz eingenommen. Mit ausschlaggebend für diesen Erfolg ist sicherlich, dass in dieser Kategorie neben den Software-Lizenz-Kosten Einsparungspotenzial im Hardware-Bereich liegt, da gegebenenfalls High-End-Server durch Linux-Cluster auf Basis von Intel-Technologie ersetzt werden können. Linux wird aus der TCO-Diskussion mit einem geschärften Profil hervorgehen. Dies kann für meine Aufgabe, die Stärkung unseres Linux Geschäftes, nur von Vorteil sein.

Eine konzeptionelle Stärke sehe ich in der Plattform-Unabhängigkeit, die Linux bietet. Der Nutzen, der sich daraus für Kunden und Anwender ableitet, liegt auf der Hand. Software-Hersteller stehen zunehmend vor der Aufgabe, ihre Produkte in komplexe Workflow-Prozesse ihrer Kunden einzubinden und werden weniger Ressourcen auf die Unterstützung unterschiedlicher Unix-Derivate verwenden können. Mit der Einführung der Linux Standard Base ist hier ein wichtiger Meilenstein in der Linux-Entwicklung gesetzt worden. Linux hat für mich das Potenzial, sich langfristig als Konsolidierungsplattform durchzusetzen.

Für das Themenfeld Security besitzt Linux technische und konzeptionelle Vorteile. Ein zentraler Aspekt ist dabei die Verfügbarkeit von Linux als Open Source, der eine unabhängige Qualifizierung für spezifische Sicherheitsanforderungen ermöglicht. Die Qualität, die Linux im Bereich Security bietet, wird durch die große Zahl von Firewall-Systemen belegt, die unter Linux betrieben werden.


LE: Mit welchen Software-Anbietern arbeitet Fujitsu Siemens Computers im Rahmen der eigenen Linux-Strategie zusammen?
Kehl: Es ist unser Ziel, eine möglichst enge Verzahnung unseres Linux-Angebotes mit den Software-Komponenten auf unseren anderen Plattformen zu erreichen. Dies gilt für unsere eigenen Inhouse-Produkte wie ServerView, ServerStart, PRIMECLUSTER oder DuplexDatamanager, die wir, soweit technisch möglich, plattformübergreifend für Linux und Solaris anbieten. Die gleiche Strategie verfolgen wir auch bei weiteren Lösungen, die wir mit externen Partnern wie CA-Unicenter oder VMware im Systemmangement anbieten. Im Applicationserver- und Datenbank-Umfeld ist unsere Zusammenarbeit mit Oracle und SAP am intensivsten. Für Backup-Services setzen wir plattformübergreifend Legato-Networker ein.


LE: Was werden Ihrer Meinung nach die nächsten Meilensteine in der Linux-Entwicklung und im Einsatz von Linux in Unternehmen sein?
Kehl: Wir stehen kurz vor dem Release 2.6, das eine Vielzahl von technischen Erweiterungen und Verbesserungen hinsichtlich Skalierbarkeit, Leistung, I/O und Security, um die wichtigsten Themenfelder zu nennen, mit sich bringt. Die Linux-Entwicklung adressiert damit Bereiche, in denen sich heute noch High-End-Unix-Systeme von Linux abheben. Erkennbar ist dieser Entwicklungstrend auch an den Arbeitsschwer-punkten, Data Center Linux und Carrier Grade Linux des Open Source Development Labs. Mit der mittelfristig kommenden Generation von hoch ausbaubaren Intel SMP-Servern werden Hardware-seitig die Voraussetzungen für High-End-Linux-Systeme geschaffen. Das Thema Skalierbarkeit bleibt damit ein zentrales Linux-Entwicklungsthema auch für kommende Releases.

Mit den aufgezeigten Entwicklungsfortschritten wächst Linux in den Mid-Tier-Bereich hinein. Der jetzige Einsatzschwerpunkt in Unternehmen als Plattform für Infrastrukturdienste erweitert sich damit in den Bereich der Applikationsserver und mittleren Datenbankserver. Die Einbindung von Linux in die bestehende IT-Infrastruktur in Unternehmen wird enger und Linux als Plattform erhält höheres Gewicht.


LE: Vielen Dank für das Gespräch.

Unser Gesprächspartner
Dr. Eckardt Kehl studierte Physik an der Universität Bielefeld und kam 1991 von der Suprenum GmbH zu Siemens Nixdorf. Er begann seine Tätigkeit dort als Fachberater für Parallel- und Hochleistungsrechner und war zuletzt für den Vertrieb von Linux-Cluster-Lösungen in Deutschland verantwortlich. Als Director Linux Business ist es heute seine Aufgabe, das Linux-Geschäft für Fujitsu Siemens Computers insgesamt weiter auszubauen.

Das Unternehmen
Fujitsu Siemens Computers ist ein führendes europäisches Computerunternehmen und zugleich Marktführer in Deutschland. Mit einer großen Bandbreite an Informationstechnologie und IT-Infrastrukturlösungen erfüllt Fujitsu Siemens Computers die spezifischen Anforderungen von Großunternehmen, des Mittelstands und von Privatkunden. Das Unternehmen ist in allen Schlüsselmärkten Europas, Afrikas und des Mittleren Ostens präsent und profitiert von der globalen Kooperation und der Innovationskraft seiner beiden Shareholder Fujitsu Ltd. und Siemens AG. Weitere Informationen finden sich unter www.fujitsu-siemens.de/.

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