Donnerstag, 4. Dezember 2008

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April 2006
aus Linux Enterprise Ausgabe: 11.2002
United they stand!
United Linux und die Linux Standard Base
von Armin Roehrl und Stefan Schmiedl

Mit UnitedLinux haben sich die vier Linux-Distributoren SuSE, Caldera, Turbolinux und Conectiva zusammengetan, um neue Märkte zu gewinnen und Ressourcen zu sparen. UnitedLinux soll der neue Standard für eine weltweit einheitliche Linux-Distribution werden. Als Hauptkunden haben die Beteiligten dabei den lukrativen Markt der Unternehmen im Auge. Dass hier auch ein gesundes Maß an organisiertem Marketing investiert wird, zeigt sich daran, dass der Spiegel [Spiegel], das Manager-Magazin [ManagerMagazin], die Financial Times Deutschland [FTD] und viele große Tageszeitungen UnitedLinux schon als Thema hatten, obwohl es gerade erst in eine (nicht-öffentliche) Beta-Testphase geht, während wir diesen Artikel verfassen.


Überblick
Nach eigenen Angaben erfüllt UnitedLinux den Wunsch nach einer hochwertigen, billigen und auf Standards basierenden Linux-Umgebung und fördert so die Verbreitung dieses Betriebssystems. Erklärte Gegner wie Microsoft hatten immer wieder versucht, sich die Zerklüftung der Linux-Szene zu Nutze zu machen: wegen der vielen verschiedenen Versionen sei es deutlich schwerer, einheitliche Produkte für Linux zu entwickeln. Dabei wurde allerdings großzügig vergessen, dass es mit Windows 95, 98, ME, NT4, 2000 und nun XP auch nicht gerade wenige Versionen von Windows gibt, mit denen ein Applikationsentwickler zur Zeit zu rechnen hat.
Rechtlich gesehen ist UnitedLinux eine eigenständige Firma mit Sitz in Delaware, USA. Die eigentliche Entwicklung soll allerdings weiterhin bei den einzelnen Distributoren stattfinden, so wird bei SuSE in Nürnberg eines der Hauptentwicklungszentren sein. Ein Powered by UnitedLinux-Logo wird die Distributionen auszeichnen, die auch weiterhin unter ihrem eigenen Namen vertrieben werden. Auch Support, Services und Schulungen bleiben in der Hand der jeweiligen Distributoren.
Durch den neuen Standard sollen nun Hard- und Softwarehersteller mit weniger Aufwand die Linux-Plattform unterstützen können. Dieses an sich noble Unterfangen wird allerdings durch die Konkurrenzkämpfe zwischen den kommerziellen Distributionen wieder zunichte gemacht, da zum Beispiel neben dem nicht unbeliebten Mandrake auch der Marktführer Red Hat in der UnitedLinux-Gemeinde fehlen. Auch das für Serverumgebungen zunehmend beliebtere Debian/GNU Linux nimmt nicht teil.
Offiziell will UnitedLinux, dass möglichst viele weitere Distributoren sich dieser Initiative anschließen. Mandrake allerdings hat sich schon öffentlich gegen UnitedLinux entschieden, da es unnötig sei [MandrakeAntwort]. Auf Debian- und Slackware-Mailinglisten einigte man sich schon bald darauf, größere Flexibilität dem blinden Befolgen eines Standards vorzuziehen. Das wohl abschreckendste Beispiel für dieses Verhalten haben wir mit unseren QWERTZ-Tastatur täglich unter den Händen: Dieses Layout wurde für die ersten mechanischen Schreibmaschinen entwickelt, um schnelles Schreiben (und damit ein Verklemmen der Typen) zu verhindern.

Zitate zum Thema Standardisierung
Standardisierung à la Microsoft:
Jeder Nutzer wird gezwungen, die selbe Software zu benutzen, anstatt die Schnittstellen zu dokumentieren und dafür offene Standards zu verwenden. (Andreas Bogk, Dylan-Entwickler)
Standards are the cornerstone of any stable platform. (Jeremy Allison, Samba)
I have often said that the most important Open Source project today is the Linux Standard Base project. (Jon "maddog" Hall, Linux International)

Roadmap
Alpha version in Q2, 2002
Beta version in Q3, 2002
Version 1.0 release in Q4, 2002
Bis jetzt (Mitte August 2002) wird der Terminplan eingehalten.

UnitedLinux und Red Hat
Wenn man sich in den einschlägigen Newsgruppen umschaut, so scheint Red Hat erst einige Stunden vor der offiziellen Bekanntmachung über die Existenz von UnitedLinux erfahren zu haben. Dies wurde, etwas fadenscheinig, damit entschuldigt, dass es schon sehr schwierig sei, sich mit vier Unternehmen auf einen gemeinsamen Nenner zu einigen und dass jedes weitere Unternehmen den Prozess exponentiell verlangsame.
Nun hat Red Hat aber alleine schon einen größeren Marktanteil als alle anderen Distributionen zusammen, weswegen viele kommerzielle Applikationen offiziell nur unter Red Hat-Distributionen unterstützt werden. Der (meist ohne Probleme erfolgreiche) Betrieb mit anderen Distributionen erfolgt praktisch auf eigenes Risiko und ohne Supportansprüche. Dieser Tatsache trägt UnitedLinux Rechnung, indem im Anforderungskatalog eine Red Hat-Kompatibilitätsbibliothek genannt wird, die auf einem UnitedLinux-System installiert sein muss.
Damit scheint sich die Theorie zu erhärten, dass UnitedLinux eine Gemeinschaftsanstrengung des (größenmäßigen) Mittelfelds ist, um den Marktführer etwas zurückzustutzen. Die in UnitedLinux organisierten Distributoren sind nach Red Hat jeweils die kontinental bedeutendsten kommerziellen Anbieter: SuSE ist stark in Europa, Turbolinux in Asien [Ende August kündigte das japanische Unternehmen Software Research Associates an, die Linux-Softwaresparte von Turbolinux zu übernehmen. Das UnitedLinux-Engagement solle aufrechterhalten werden, so das Unternehmen.], Conectiva in Südamerika und Caldera und SuSE zusammen bilden ein starkes Gespann im wichtigen nordamerikanischen Marktsegment.
Red Hat selbst hat fast zeitgleich eine Allianz mit prominenten Konzernen wie BMC Software, Borland, Computer Associates, Novell, Legato, Checkpoint und IBM begründet, um die Red Hat-Kompatibilität zu einem entsprechenden Markenzeichen zu machen. Mitgliedern dieser Gemeinschaft bietet Red Hat Unterstützung beim Portieren von Produkten auf die eigene Plattform an.
Dass Red Hat mittlerweile einige Software-Patente besitzt, verleiht der Situation eine gewisse Würze, denn die Firma könnte sich theoretisch zu einem Microsoft der Linux-Welt entwickeln [LinuxMicrosoft]. Unter diesem Aspekt könnte man UnitedLinux auch als Defensiv-Maßnahme der patentlosen Mitbewerber interpretieren.

Lizenz
Zu Beginn der Entwicklung sorgte das Gerücht, dass SuSE eine auf den Arbeitsplatz bezogene Lizenzierung durchsetzen will, für ziemliche Aufregung, auch Richard Stallman hat (natürlich ;-)) dagegen protestiert [RMSSeatLicense]. SuSE und Conectiva haben diese Behauptungen aber mittlerweile dementiert, indem Marcelo Tosatti, Kernel-Maintainer bei Conectiva, in einem Interview [Tosatti] für Klarheit gesorgt und die Open Source-Fans beruhigt hat.
Ab Version 1 wird eine kostenlose Sourcecode-Version unter der GPL zum Herunterladen bereitstehen, wer sich aber die Arbeit des Kompilierens sparen will, darf für eine fertige Binärversion Geld bezahlen. Im Wesentlichen hat sich damit wohl gegenüber den bisherigen Distributionspraktiken wenig geändert.

Konzerne und UnitedLinux
Der Riese IBM steht zur Zeit mit einem Bein im Red Hat-Lager und mit dem anderen bei UnitedLinux. Auf diese Art versucht Big Blue sicherzustellen, dass die nach wie vor erfolgreich in Linux investierte Milliarde Dollar sich auch wirklich auszahlt, wer auch immer dieses Standardisierungsrennen gewinnen wird. IBM kann und wird nämlich vom Know-how aller beteiligten Firmen profitieren.
Die Bildung von UnitedLinux bietet diverse Vorteile für die Industrie und beweist erneut, dass die Zusammenarbeit auf Basis von Standards die Anwendungsentwicklung und -einführung für die Hersteller erleichtert, meint Steve Solazzo von IBM. Neben IBM begrüßten NEC, AMD, Siemens, SAP und HP UnitedLinux als einen Schritt in die richtige Richtung. Auch Applikationsentwickler wie Borland und Computer Associates äußerten sich positiv.

LSB und UnitedLinux
Bereits seit einiger Zeit gibt es einen Zusammenschluss zweier Linux-Standardisierungsgruppen (Linux Internationalization Initiative li18nux und Linux-Standard-Base-Project LSB) zur Free Standards Group [freeStandards], die vom bisherigen LSB-Chef Dan Quinlan geleitet wird. Auch hier ist das Ziel, die Kompatibilität zwischen verschiedenen Linux-Distributionen zu verbessern, indem von der Verzeichnisstruktur bis zum Paketformat einheitliche Merkmale definiert werden.

Mitglieder von LSB
Caldera, Inc. (inzwischen umbenannt in SCO Group)
Compaq
Corel Corporation
The Debian Project
Enhanced Software Technologies, Inc.
Hewlett Packard (Sponsor)
IBM (Sponsor)
Intel
Linuxcare
Linux for PowerPC
MandrakeSoft
Metro Link, Inc.
Olliance
The Open Group
Oracle
SGI
Turbolinux, Inc. (hat inzwischen das Linux-Softwaregeschäft an die japanische Firma Software Research Associates verkauft)
Red Hat
Software in the Public Interest, Inc.
SuSE
The USENIX Association
VA Linux Systems (agiert inzwischen als VA Software Corp. mit seiner Sourceforge-Software)
...

Ein Blick in den Textkasten der LSB-Mitglieder zeigt, dass hier alle Beteiligten eigentlich schon seit Jahren an einem Tisch sitzen. Das Problem scheint nur zu sein, dass alle Beteiligten auch mitreden wollen und deswegen Resultate nur zögerlich zustande kommen.
Dass gewinnorientiert arbeitende Unternehmen aber nicht beliebig viel Zeit haben, um auf die Ergebnisse eines grünen Tischs zu warten, dürfte ein weiterer Faktor für den Zusammenschluss zu UnitedLinux gewesen sein. UnitedLinux wird bei allen Anbietern den selben Kernel haben, einen einheitlichen Desktop anbieten, sowie die gleichen Administrationswerkzeuge, unter ihnen auch Yast2, verwenden. Da UnitedLinux vorerst nur auf Server abzielt, werden typische Desktop-Anwendungen nicht erwähnt.

UnitedLinux intern
UnitedLinux gibt in einem Whitepaper [whitepaper] Auskunft über technische Details der Distribution, mit der eine gemeinsame Basis (UL Base) für alle teilnehmenden Linux-Verkäufer bestimmt wird. Dies vereinfacht die Zertifizierung für OEMs (Original Equipment Manufacturer) und ISVs (Independent Software Vendors), die ihre Produkte damit nur noch gegen ein System zertifizieren müssen. Die Teilnehmner können diese Basis aber mit eigenem Look&Feel und anderen Erweiterungen individuell ausgestalten, um ihre individuellen Stärken nicht zu verlieren.

Vorteile von UnitedLinux für den Kunden
  • gebündelte Erfahrung von mehreren Linux-Verkäufern
  • Stabilität
  • Quality Assurance
  • Zertifizierung
  • Weltweite Präsenz

Vorteil für die Industrie
  • weniger Zertifizierungsaufwand
  • einfachere Implementationen
  • einheitlicher Standardkompatibilität
  • weltweite Präsenz
Für den Anfang geplant ist der Support für die x86 32- und 64.Bit- sowie die IA64-Plattformen. Softwareseitig beinhaltet UnitedLinux neben der Unterstützung verschiedener Dateisysteme (ext2, ext3, JFS, FAT/vFAT, ISO9660 und UDF) auch:
  • Filesystem Hierarchy Standard FHS (Wo werden welche Dateien abgespeichert?)
  • LSB und LI18NUX: erarbeitete Ergebnisse werden nicht verworfen.
  • XML
  • SOAP
  • WBEM (Web-Based Enterprise Management) [WBEM]
Für Entwickler werden die üblichen Compiler und Skriptsprachen angeboten: GCC, Java, Perl, Python, Ruby, Tcl/Tk, usw.

Für den Enterprise-Bereich besonders interessant sind folgende Features:
  • automatisierte Installation (alle Einstellungen aus einer XML-Datei)
  • High Availability (Linux-HA Projekt) [HA]
  • Journaling File Systems
  • Logical Volume Manager LVM
  • Next Generation Posix Threads [NGPT]
  • Memory eXpansion Technology MXT (transparente Komprimierung des Speicherinhalts in Hardware)
  • POSIX asynchrone Ein- und Ausgabe
  • Raw I/O
  • Hyper-Threading: Multithreaded Server-Anwendungen führen Threads parallel auf verschiedenen Serverprozessoren aus.
  • Advanced Configuration and Power Interface ACPI (erweitertes Power Management)
  • iSCSI: ein IP-basierter Storage Networking Standard
  • Storage Area Network SAN
  • Simple Network Management Protocol SNMP und Common Information Model CIM
  • Large Memory Support (bis 64GB physikalischen Speicher mit 4GB virtuellem Adressraum für x86-Systeme)
  • IPv6
  • Directory Services (LDAP, etc.)
  • Non-Uniform Memory Access NUMA (gemeinsame Speicherbereiche in einem Multiprozessorsystem)
Zu den essenziellen Core-Komponenten zählen:
  • LSB 1.1
  • sh-utils
  • SysVInit
  • vixi-cron
  • Remote Shell Tools: ssh, scp
  • KDE 3.0-Bibliotheken
  • GNOME 2.0-Bibliotheken
  • Java
  • XFREE86 >= 4.2
  • Red Hat Linux Kompatibilitätsbibliotheken und Links, sodass die meisten Anwendungen ohne Veränderungen ablaufen können.
  • Webserver (Apache, PHP, Tomcat)
  • File- und Print-Server (Windows (Samba >= 2.2.4))
  • Mail- and News-Server (SMTP (sendmail), POP, IMAP)
  • Proxy-Server (Squid)
Im Netzwerkbereich werden VPNs über IPSec unterstützt, Advanced Routing inklusive Loadbalancing und Quality of Service-Funktionen (Bandbreitenverwaltung) sind ebenfalls vorgesehen. Natürlich wird Interoperationalität in heterogenen Umgebungen (Windows, Novell, Unix) angestrebt.

Und nun?
Detlef Borchers hat in einem Editorial der ix [Balkanisierung] vor kurzem darauf hingewiesen, dass diese Aufsplitterung in unterschiedliche Lager im Unix-Umfeld nichts Neues ist, man erinnere sich zum Beispiel nur an die schon fast vergessene Open Software Foundation. Borchers schreibt: Geschichte wiederholt sich nicht, es sei denn als Farce, was einst einmal eine Tragödie war, schrieb der deutsche Philosoph Hegel. Man kann UnitedLinux als Einstieg in die Farce begreifen.

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