Mit den neuen LX50-Servern, die mit einem angepassten Sun Linux 5.0 ausgeliefert werden, engagiert sich Sun Microsystem nun auch im Low End-32-Bit-Serverbereich. Während Konkurrent IBM Programme zur Solaris-zu-Linux-Migration propagiert, setzt Sun auf eine Komplementarität von Solaris und Linux. Wir sprachen mit Marketing-Direktor Martin Häring über Suns aktuelle Linux-Strategie im Hardware- und Softwarebereich.
Linux Enterprise: Sun gilt in Branchenkreisen ja nicht gerade als Company mit besonders ausgeprägter Linux-Affinität. Welche Bedeutung haben die neuen LX50-Server für die LinuxStrategie von Sun und für das gesamte Hardware-Produktportfolio?
Martin Häring: Diese Aussage ist zum Glück so nicht korrekt. Bereits seit zwei Jahren bietet Sun mit der Cobalt-Linie auf Linux basierende Server-Appliances an. Solaris ist seit Version 8 weitgehend Linux-Sourcecode-kompatibel und nicht zu vergessen unser Engagement in der Open Source-Gemeinde. Sun ist seit Jahren der größte nicht private Contributor für die Open Source-Community. Kein anderes IT-Unternehmen hat mehr Quellcode dafür geliefert als Sun. Mit der LX50 liefern wir für den Low-End Non-Mission-Critical 32-Bit-Bereich einen Linux-Server mit dem vollen Linux-Support von Sun. Damit befinden wir uns in einem Marktsegment, das Sun bisher nicht direkt bedient hat, und in dem wir gedenken, unseren Wettbewerbern deutliche Marktanteile abzuringen.
LE: Welche Zielgruppe haben Sie mit den neuen LX50-Angeboten im Auge?
Häring: Zielgruppe sind die Unternehmen und Kunden, die kostengünstige und dennoch stabile Server für netzwerkzentrische Aufgaben wie Web-, Mail-, FTP-, Streaming- oder Firewall-Server suchen.
LE: Sehen Sie in diesem Marktsegment überhaupt noch Raum? Die xServer von IBM beispielsweise, die mit Linux laufen, sind ja deutlich billiger.
Häring: Der LX50 Server liegt preislich in ähnlicher Region. Sun bietet mit diesem Server jedoch entscheidende Vorteile: Der Kunde hat die Wahl zwischen Solaris und Linux als Betriebssystemplattform für diesen Server. In beiden Fällen erhält er ein optimal auf die Hardware abgestimmtes System - deshalb haben wir mit Sun Linux 5.0 unsere eigene Linux-Distribution eingeführt. Für den Kunden wird es dadurch erheblich einfacher, wenn es um Inbetriebnahme, Dienstleistung und vor allem Support geht.
LE: Solaris auf x86 galt ja zwischenzeitlich als Auslaufmodell. Nun wirbt Sun im Rahmen der LX50-Präsentation wieder für Solaris auf x86-Systemen. Sollen die Sun-Kunden nun Linux oder Solaris kaufen?
Häring: Wir beziehen hier eine ganz klare Position. Linux hat seine Daseinsberechtigung im Umfeld von nicht unternehmenskritsichen Anwendungen, die keine extremen Anforderungen an Skalierbarkeit, Verfügbarkeit und RAS-Optionen (Reliability, Availability, Serviceability) haben und wo der Preis von Hardware und Software das ausschlaggebende Argument ist. Solaris ist mit über 13.000 verfügbaren 64-Bit-Anwendungen der De-Facto-Unix-Standard im Rechenzentrum geworden und hat technologisch einen Vorsprung von mindestens fünf Jahren in Bezug auf Linux. Es skaliert bis 106 Prozessoren, kann unterbrechungsfrei Updates installieren, verfügt über die Fähigkeit, Systeme logisch zu partitionieren, und bietet ausgezeichneten Cluster-Support. Das sind alles Dinge, die im Rechenzentrum gefragt sind.
LE: Warum machen Sie gerade im Low End-Bereich ein neues Linux-Angebot? Welches Umsatzpotenzial sehen Sie hier?
Häring: Durch die Konzentration auf das 64-Bit-Rechenzentrum haben wir den breiten Wintel-dominierten 32-Bit-Markt lange nicht im Fokus gehabt. Dies wollen wir ändern. Mit jedem verkauften Linux-Server machen wir Microsoft, Dell, HP/Compaq und IBM um ein paar Mark ärmer. Jeder Prozentpunkt Marktanteil, den wir gewinnen, ist für unsere Wettbewerber einer weniger.
LE: Wenn man sich IBMs Erfolge im Hinblick auf Serverkonsolidierungen auf der zSeries mit Linux-VMs ansieht, müsste Sun doch eigentlich eher im High End-Bereich Handlungsbedarf sehen. Was setzen Sie denn IBMs Solaris-zu-Linux-Migrations-Kampagne entgegen?
Häring: Es gibt heute nicht einen einzigen CIO, der ernsthaft darüber nachdenkt, einen Mainframe anzuschaffen, um darauf Linux zu installieren. Allein die Kosten für Service und Wartung des Systems und der Software wie VM stehen in keinem Verhältnis zum Nutzen. Dies bestätigen uns die Kunden und auch eine aktuelle Studie der Meta-Group. Da Linux derzeit keine ernstzunehmende Alternative für das Rechenzentrum darstellt, frage ich mich also, welche Anwendung IBM denn von Solaris auf Linux migrieren will und welcher CIO bereit ist, einen technologischen Rückschritt zu riskieren.
LE: Im Bereich High End-Grafik zeigt sich ja auch ein Trend in Richtung Linux. Vor allem die Filmstudios ersetzen zunehmend für berechnungsintensive Aufgaben Unix-Workstations durch billigere Linux-Cluster auf x86-Basis. Ist der LX50 hierfür auch geeignet? Oder hat Sun Pläne, dieses neue Marktsegment künftig mit anderen Produkten zu bedienen?
Häring: Beim Rendern von Filmszenen werden komplexe Algorithmen berechnet, die sehr gut dafür geeignet sind, auf mehrere Prozessoren verteilt zu werden. Grid Computing spielt dabei eine wichtige Rolle. Sun ist in diesem Bereich führend und hat dies mit Filmen wie Toy Story und Monster AG eindrucksvoll bewiesen. Auch die LX50 ist dafür geeignet. Das System ist sogar schon standardmäßig mit Gridsoftware ausgestattet.
LE: Sun Linux 5.0 ist ja kompatibel zu Red Hat Linux. Welche Erweiterungen hat Sun an der Red Hat-Distribution vorgenommen?
Häring: Sun hat die spezifischen Treiber für die Hardwareunterstützung der LX50 geschrieben und auf das System optimiert. Zusätzlich sind auf der LX50 weitere Softwarekomponenten wie Java 2 Standard Edition, Sun ONE Active Server Pages (ASP) for Linux, TomCat (JSP), MySQL, Apache, WU-FTP, Sendmail, Bind, die Sun Grid Engine und Suns Streaming-Server vorhanden.
LE: Warum haben Sie Red Hat als Basis genommen und keine der anderen Distributionen? Wird Sun UnitedLinux in seine künftigen Linux-Aktivitäten einbeziehen?
Häring: UnitedLinux ist der Versuch verschiedener Linux-Distributoren, unter der Leitung von SuSE, eine Allianz im Kampf gegen den größten Wettbewerber Red Hat zu gründen. Mehr nicht. Aus Sicht des Software-Entwicklers unterscheiden sich die verschiedenen Distributionen durch die verwendeten Kernel-Versionen und die integrierten Softwarepakete. Die Unterschiede in den integrierten Softwarepaketen haben aber keinen Einfluss auf das Programmierinterface. Auf API-Ebene sind heute schon alle Linux-Distributionen weitgehend sourcecodekompatibel. Wenn Sie so wollen, gibt es also schon ein UnifiedLinux. Solaris ist übrigens auch dazu kompatibel.
LE: Sun bewirbt die LX50-Server ja mit integriertem Hardware/Software-Support und bietet Kunden-definierte Antwortzeiten für den Support von Sun Linux 5.0. Bei der Entwicklungsgeschwindigkeit von Linux dürfte der Entwicklungsaufwand, der nun im Bereich Linux auf Sun zukommt, doch sehr aufwändig sein. Welche Ressourcen investiert Sun hier? Können Kunden im Hinblick auf Patches und Updates Angebote erwarten, die über die Leistungen der herkömmlichen Linux-Distributoren hinausgehen?
Häring: Sowohl in Entwicklung als auch in Support und Service kann Sun auf umfassendes Know-how zurückgreifen, die auf unsere 20-jährige Unix-Erfahrung gründet. Solaris und Linux sind enge Verwandte. Für unser Sun Linux 5.0 arbeiten wir zudem eng mit Red Hat zusammen und kümmern uns zudem um die optimale Anpassung des Systems an die LX50-Hardware. Unsere Kunden können auch in Sachen Linux auf Sun zählen. Mit unseren Linux-Systemen erwerben sie jeweils eine Einheit aus Hard- und Software, die perfekt aufeinander abgestimmt sind. Insofern gehen unsere Angebote bei Patches und Updates in der Tat über die Leistungen herkömmlicher Linux-Distributoren hinaus: Wir stellen nämlich zudem sicher, dass das Betriebssystem die Hardwarekomponenten des Servers optimal unterstützt.
LE: Welche Möglichkeiten bietet Sun den Anwendern, sich je nach den speziellen Anforderungen zwischen Linux und Solaris zu bewegen? Wie gestaltet sich die propagierte integrierte Linux-Kompatibilität in Solaris?
Häring: Seit Solaris 8 sind praktisch alle in Linux enthaltenen APIs auch unter Solaris verfügbar. Mit Solaris 9 haben wir diesbezüglich noch einmal kräftig zugelegt. Das gleiche gilt auf Ebene der Entwicklungswerkzeuge. Alle für Linux als Open Source verfügbaren Compiler und IDEs sind auch für Solaris verfügbar und zum Großteil bereits im Lieferumfang von Solaris enthalten.
LE: Und was erreicht der Anwender mit dem Linux Compatibility Assurance Kit?
Häring: Es stellt sicher, das Linux-Sourcecode problemlos auf Solaris-Systemen kompiliert werden kann und damit keine Kosten für die Migration entstehen.
LE: Das LX50 Server-Management beinhaltet die Sun Cobalt Control Station und das Intelligent Platform Management Interface. Was hat es mit diesen beiden Komponenten auf sich?
Häring: Die größten Kopfschmerzen, die ein Systemadministrator heute im Wintel-Umfeld hat, betreffen die einfache Verwaltung der Systeme. Dabei sprechen wir von Betriebssystem und Applikations-Upgrades, der Konfiguration von Schnittstellen und externen Geräten sowie dem Einspielen von Patches. Ein Wechsel auf Linux allein hilft hier nicht. Im Gegenteil, dieser Prozess wird sogar komplexer. Die LX50 wird zusammen mit dem Agenten für die Cobalt Control Station ausgeliefert. Die Control Station sorgt dafür, dass über Hunderte von Linux-Servern hinweg, quasi auf Knopfdruck, System- und Softwareupgrade oder Konfigurationsänderungen auf alle Systeme gleichzeitig eingespielt werden können. Die Control Station selbst ist als Appliance ausgelegt, sodass eine unerreicht schnelle Inbetriebnahme ohne aufwändige Einarbeitung möglich ist. Über das Intelligent Platform Management Interface kann ein Zugang zu den Sensoren und der Reset-Logik der LX50 unter Umgehung von Linux erfolgen. Damit kann z.B. remote ein Reset oder Powercycle des Servers durchgeführt werden, wenn das Betriebssysten nicht mehr ansprechbar ist.
LE: Sun bietet auch einen Linux Operation Support für die Sun Linux-Systeme. Was können Kunden von diesem Angebot erwarten?
Häring: Sun verfügt über die größte Unix/Linux-Support-Organisation der Welt. Über 10.000 Mitarbeiter haben tiefes technisches Know-how für beide Betriebssysteme und werden täglich darin geschult. Wenn ein Kunde bei Sun anruft, wird er nicht an eine Linux-Hotline nach Indien oder ein Hacker-Forum im Web weitergeleitet. Er bekommt den gewohnten professionellen Support von Sun, den wir auch unseren High End-Server-Kunden für Solaris anbieten.
LE: Welche Rolle spielt Linux für die Grid Computing-Strategie von Sun?
Häring: Ich sehe Linux und Solaris hier gleichrangig, denn wir bieten die Grid-Software für beide Betriebssysteme an, in der Basis-Version sogar kostenlos. Wir selber betreiben bei Sun intern ein großes Grid-Netzwerk, um überschüssige Systemleistung und Ressourcen von Rechnern der Mitarbeiter der eigenen Entwicklungsabteilung zur Verfügung zu stellen.
LE: Wie sehen Suns mittelfristige Pläne für Linux im Hardware- und im Software-Bereich aus?
Häring: Sun wird sich auch in Zukunft sehr stark in einer ganzen Reihe von Open Source-Projekten im engeren und weiteren Umfeld von Linux engagieren. Hardware-Produkte auf Basis von Linux haben einen festen Platz in unserem Produktportfolio und sind für Einsatzbereiche konzeptioniert, die komplementär zu denen unserer Sparc/Solaris-Produkte positioniert sind. In Linux sehen wir eine kostengünstige und leistungsfähige Plattform für zahlreiche Anwendungen im Bereich des Edge Computing. Zudem sehen wir für Linux eine gute Chance, sich als alternatives Desktop-Betriebssystem zu etablieren. Der Fortschritt bei der Entwicklung der Desktop-Umgebung Gnome etwa - an der Sun übrigens maßgeblich beteiligt ist - lässt hier erwartungsvoll in die Zukunft blicken.
LE: Vielen Dank für das Gespräch.
Unser Gesprächspartner
Martin Häring, geboren am 5. Februar 1966 in Stuttgart, studierte technische Informatik an der Berufsakademie Stuttgart und begann seine berufliche Laufbahn 1989 bei der IBM Deutschland GmbH im Bereich Forschung und Entwicklung als Entwickler von Netzwerkkomponenten für Mainframe- und Unix-Systeme. Weitere Aufgaben als Systemberater und im Produktmarketing-Umfeld folgten.
Zu Sun Microsystems kam er 1993 als Senior-Systemberater, wechselte jedoch ein Jahr später in den Bereich Marketing als Leiter der Abteilung Marketing Services. Hier war er zuständig für den Aufbau des Event- und Web-Marketing-Teams. Weiterreichende Verantwortung wurde ihm 1997 als Bereichsleiter Marketing Programs übertragen.
Seit 2000 ist er als Marketing Direktor Sun Deutschland und Österreich für die Bereiche Industrie-, Produkt- und Channelmarketing, Web- und Direktmarketing sowie Presse- und Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich.
Das Unternehmen
Seit dem Gründungsjahr 1982 hat sich Sun Microsystems, Inc. (Nasdaq: SUNW) mit seiner Vision The Network Is The Computer zu einem führenden Anbieter von Produkten, Technologien und Dienstleistungen für das Internet entwickelt und unterstützt damit Unternehmen in der ganzen Welt im Wachstum ihres Geschäftes. Mit einem jährlichen Umsatz von 12,5 Mrd. US-Dollar ist das Unternehmen in 170 Ländern mit über 39.000 Mitarbeitern vertreten. Weitere Informationen finden Sie unter
www.sun.com/.