Donnerstag, 4. Dezember 2008

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April 2006
aus Linux Enterprise Ausgabe: 01.2003
Die besten Ideen überleben
Mark de Visser von Red Hat
von Nadja Rosmann

Die aktuelle Red Hat Distribution 8.0 hat im Linux-Lager für viel Wirbel gesorgt, da Red Hat mit seinem neuen Bluecurve-Theme nicht nur ein neues Design eingeführt hat, sondern für die Installation eines Default-Desktops Komponenten aus KDE und Gnome zu einem einheitlichen System bündelt - und damit nach Ansicht einiger Entwickler die ursprünglichen Desktop-Umgebungen verfälscht. Wir sprachen mit Mark de Visser, Vice President Marketing bei Red Hat, über die gegenwärtige Desktop-Strategie des Unternehmens und über die Erfolgschancen von Linux auf dem Desktop.


Linux Enterprise: Linux war bisher auf dem Desktop kein allzu großer Erfolg. Tritt Red Hat mit seiner neuen Distribution an, um diese Situation zu ändern?
Mark de Visser: Hier scheint es sehr viele Missverständnisse zu geben. Die Fähigkeiten von Linux auf dem Desktop sind in den letzten Jahren stetig gestiegen. Wir bei Red Hat sind nicht der Ansicht, dass wir - im Hinblick auf die Einfachheit der Benutzung - schon mit Apple und Microsoft gleichgezogen haben, aber wir nähern uns immer mehr an. Mozilla hat enorme Fortschritte als Internet-Browser gemacht, Evolution als Mail-Client und OpenOffice.org im Hinblick auf die Office-Produktivität. Die Bereiche, auf die wir jetzt noch unsere Aufmerksamkeit richten müssen, betreffen eine Konsistenz der Benutzeroberfläche, eine verbesserte Plug&Play-Unterstützung für Multimedia-Devices und solche Sachen. Wir gehen davon aus, dass Linux als Desktop-Lösung für Unternehmen im kommenden Jahr und darüber hinaus wesentliche Fortschritte machen wird. Hauptantrieb für diese Entwicklung werden die deutlichen Vorteile von Linux im Hinblick auf die Total Cost of Ownership sein und die bessere Administrierbarkeit sowie die höhere Sicherheit gegenüber Windows-Systemen. Auf dem Consumer-Desktop wird es mit der Akzeptanz von Linux wohl noch ein Weilchen länger dauern, aber wir sind sehr davon überzeugt, dass Linux sich auch hier längerfristig etabliert.

LE: Wie passt der neue Desktop-Ansatz zur bisherigen Strategie von Red Hat, die sich ja hauptsächlich auf Server in Enterprise-Umgebungen, auf Professional Services und auf Embedded Solutions konzentrierte?
de Visser: Wir sehen unsere langfristige Strategie darin, Anbieter einer Open Source-Architektur für Unternehmen zu sein. Linux als eine dominante Server-Plattform ist ein offensichtlicher Teil dieser Strategie, aber wir denken auch, dass Linux als Plattform der Wahl für den Desktop, für die Netzwerk-Infrastruktur, beispielsweise Router und Switches, und für Embedded-Anwendungen immer mehr Bedeutung gewinnt. Demzufolge ist unser Interesse am Desktop keine Abkehr von unserer bisherigen Strategie.

LE: Welche Motive liegen dem neuen Desktop-Ansatz zugrunde? Gab es bereits eine Nachfrage seitens der Kunden oder hat Red Hat beschlossen, dass es nun an der Zeit ist für einen besseren Linux-Desktop?
de Visser: Wie ich bereits gesagt habe, ist der Desktop-Ansatz nicht wirklich neu, er wird lediglich erweitert. Die Kundennachfrage spielt mit Sicherheit eine Rolle. In der momentanen wirtschaftlichen Situation suchen Kunden nach Möglichkeiten, um ihre Kosten zu senken. Außerdem suchen Unternehmen nach besseren Sicherheitsmöglichkeiten für ihre Desktop-Lösungen, da die Desktop-Arbeitsplätze ja sehr eng mit dem gesamten Firmennetzwerk verzahnt sind. Alle diese Faktoren tragen zu einer steigenden Nachfrage nach Linux auf dem Desktop bei.

LE: Red Hat hat ja einiges an Integrationsarbeit zwischen den Desktops Gnome und KDE geleistet. Welche Entwicklungen haben Sie an den beiden vorgenommen?
de Visser: Wir haben beide Desktops dahingehend verbessert, dass Software unter Linux nun ein konsistenteres Verhalten an den Tag legt. Wenn ein Anwender beispielsweise eine Datei sichern möchte, sollte er dies nicht in jeder Anwendung auf eine andere Art und Weise tun müssen. In Red Hat Linux 8.0 ist die Handhabung der verschiedenen Komponenten vereinheitlicht worden.

LE: Welche technischen Entscheidungen liegen diesem Ansatz zugrunde. Ist es für einen Distributor zu viel Arbeit, zwei verschiedene Desktops zu pflegen? Andererseits hatte Red Hat sich bisher ja auf Gnome konzentriert. Warum wollten Sie auf einmal auch KDE anbieten?
de Visser: Es ging uns nicht um technische Entscheidungen, sondern darum, für den Benutzer eine bessere Anwendungssituation zu schaffen. KDE gehört schon seit langem zu den Standard-Komponenten unserer Distribution und ist also für uns nicht neu.

LE: Welche Anwendungen für Internet, Mail, Textverarbeitung und Dateimanagement sind Bestandteil des neuen Default-Desktops und warum wurden sie ausgewählt?
de Visser: Als Default nutzen wir Mozilla, Evolution, OpenOffice.org und Nautilus, weil wir davon überzeugt sind, dass dies die besten Applikationen in ihrem Bereich sind.

LE: Werden, wenn man die Default-Installation wählt, alle Gnome- und KDE-Anwendungen installiert oder nur die, die Red Hat für den neuen Desktop ausgewählt hat?
de Visser: Alle Anwendungen werden installiert.

LE: Red Hat hat auch im Hinblick auf das Artwork des Desktops einiges getan. In wie weit wurde dabei das Aussehen der einzelnen Original-Anwendungen verändert?
de Visser: Wir haben das Aussehen aller Anwendungen, sowohl in Gnome als auch in KDE, verändert. Das Feedback, das wir bisher erhalten haben, zeigt uns, dass ein großer Teil der Anwender die Veränderungen als Verbesserungen ansieht.

LE: Besteht noch die Möglichkeit, KDE beziehungsweise Gnome im Original-Style mit allen Paketen zu installieren, sodass der Anwender also bei der Installation zwischen KDE, Gnome oder dem Red Hat Desktop wählen kann?
de Visser: Es ist möglich, die Original-Desktops zu installieren. Dazu muss man in einer Konfigurationsdatei Änderungen vornehmen, was natürlich nicht ganz trivial ist. Für den Enduser sind die Konzepte von KDE und Gnome von untergeordneter Bedeutung.

LE: Es sieht ja so aus, als hätte Red Hat im Vorfeld des Integrationsprojekts nicht mit den Entwicklern von Gnome und KDE über die Absichten gesprochen. Manche Entwickler waren wirklich überrascht, als sie die Beta sahen - und verärgert, weil sie der Ansicht waren, dass Red Hat die Original-Software zu stark verändert hat. Was denken Sie darüber?
de Visser: Wir haben mit so vielen Beteiligten gesprochen, wie wir konnten. Außerdem haben wir unseren Entwicklungsstand täglich auf Rawhide gepostet und in Mailing-Listen Auskunft gegeben. Noch mehr Kommunikation hätte die Wahrnehmung mancher Entwickler auch nicht verändert. Es ist ein schöner Aspekt von Open Source, dass so viele verschiedene Standpunkte existieren. Auf lange Sicht werden die besten Ideen überleben.

LE: Owen Taylor, ein Entwickler des Red Hat Desktop Teams, hat im Web erläutert, dass die wirkliche Integration über den Desktop hinausgehen müsse. Sehen Sie eine Notwendigkeit, die unterschiedlichen Architekturen von Gnome und KDE besser zu verbinden?
de Visser: Unser Ansatz ist es, dass der Anwender sich nicht mit den Unterschieden von KDE und Gnome herumschlagen muss. Es ist in Ordnung, wenn Anwendungsentwickler die eine oder die andere Architektur bevorzugen. Es ist o.k., dass es Unterschiede gibt - so lange der Endanwender davon nicht behelligt wird.

LE: Linux auf dem Desktop war schon immer ein kompliziertes Thema. Geeks interessieren sich nicht allzu sehr für Usability. Auf der anderen Seite ist MacOS X von Apple ein gutes Beispiel für eine erfolgreiche Desktop-Geschichte - basierend auf einem Open Source-Unix. Warum hat bisher kein Linuxdistributor einen solchen Desktop entwickelt?
de Visser: Das ist eine Frage der Zeit und der Prioritäten. Ein Betriebssystem besteht aus einem Kernel, Tools, Bibliotheken und Anwendungen. Man braucht den Kernel, die Tools und die Bibliotheken, bevor man Anwendungen entwickeln kann. Deshalb haben wir zunächst hierauf den Fokus gelegt. Deshalb war Linux zuerst auf dem Server zu Hause und erst später auf dem Desktop, für den man eine Vielzahl an Anwendungen braucht. Doch inzwischen sind Anwendungen wie Mozilla, OpenOffice.org und Evolution verfügbar, sodass Linux für den Desktop interessant wird.

LE: Will Red Hat sich, was die Einfachheit der Benutzung angeht, in die Richtung bewegen, in der Apple aktiv ist? Oder ist das jüngste Engagement eher ein simpler Weg, um Entwicklungskosten im Desktop-Bereich zu senken?
de Visser: Apple vertritt eine sehr, sehr enge Integration zwischen Hardware und Software. Die Software von Apple arbeitet nur auf einem Prozessor und nur auf relativ wenigen Computer-Modellen. Der Ansatz von Linux ist wesentlich komplexer, da eine breite Auswahl an Hardware unterstützt wird. Trotzdem wollen wir natürlich auch im Laufe der Zeit eine wirklich einfach zu handhabende Desktop-Oberfläche anbieten können.
LE: Was sind die zukünftigen Pläne für den Red Hat Desktop?
de Visser: Kurzfristig werden wir mit dem Angebot den Unternehmens-Desktop bedienen. Diese Zielgruppe verwendet eine überschaubare Auswahl an Applikationen und zusätzlicher Hardware. Langfristig betrachtet werden wir aber außerdem die Anforderungen, die Home-User haben, erfüllen.

LE: Vielen Dank für das Gespräch.

Unser Gesprächspartner
Mark de Visser ist Vice President Marketing und kam im Mai 2001 zu Red Hat. Er verfügt über weitreichende Erfahrungen in der Software-Branche. So war er mehr als zwölf Jahre für Borland International tätig. De Visser wuchs in den Niederlanden auf und arbeitete dort, bis er 1993 in die Vereinigten Staaten zog. Er studierte an der Universität von Delft in den Niederlanden und verfügt über einen Abschluss in Mathematik.

Das Unternehmen
Red Hat ist der weltweit führende Anbieter von Open Source- und Linux-Produkten. Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in Raleigh, North Carolina, und Niederlassungen weltweit. Die Europazentrale befindet sich in Surrey, Großbritannien. In Deutschland ist Red Hat in Stuttgart angesiedelt. Weitere Informationen finden sich unter www.redhat.de/.


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