Compiere integriert alle betriebswirtschaftlichen Aspekte einer Firma unter einer einheitlichen Oberfläche. Eine ähnliche Aufgabe stellt sich das relativ junge GNU Enterprise, das wir ebenfalls kurz vorstellen.
Mit zunehmender Globalisierung und effizienten Netzwerken ist die Investition in die richtige IT-Infrastruktur wichtiger denn je. Gerade für gewinnorientiert arbeitende Unternehmen kommt es darauf an, ein System an die aktuellen Anforderungen anpassen zu können. Und das ist eine Stärke von Compiere [1]: Selbst im Produktionseinsatz kann die Informationsstruktur geändert und an neue Informationsbedingungen angepasst werden.
Mit mehr als 600.000 Downloads von den SourceForge-Webservern und während des gesamten Jahres eine Position in den Top 10 Sourceforge-Projekten machen Compiere zu einer der populärsten Open Source-Geschäftsanwendugen. Compiere unterstützt die gesamte first tier ERP-Funktionalität für kleinere und mittlere Unternehmen. Es ist ein ausgereiftes und praxiserprobtes Enterprise Resource Planning (ERP) und Customer Relationship Management-(CRM-)System unter der Mozilla Public License. Alle Komponenten sind vollständig integriert und relativ einfach zu bedienen.
Für den kommerziellen Einsatz interessant ist das Compiere Support-Paket mit einer Lizenz für zehn interne Benutzer für jährlich 1.500 US-Dollar. In vielen Ländern (von Argentinien, Mexiko, USA, Frankreich bis zu Deutschland) gibt es auch Consulting-Firmen, die kommerziellen Compiere-Support (von der Beratung, Implementierung bis zum 24/7-Emergency-Support) anbieten.
ERP: Enterprise Resource Planning [2]
Enterprise Resource Planning (ERP) bezeichnet die unternehmerische Aufgabe, die in einem Unternehmen vorhandenen Ressourcen (Kapital, Betriebsmittel, Personal usw.) möglichst effizient für den betrieblichen Ablauf einzuplanen. Der ERP-Prozess wird in Unternehmen heute nahezu immer durch komplexe ERP-Systeme, d.h. Software unterstützt. Kommerzielle Hersteller solcher ERP-Systemsoftware sind unter anderem:
- SAP
- Peoplesoft
- Baan
- Oracle
- Navision (Microsoft)
Technik
Die aktuelle Compiere-Version 2.5.0c (2.5.1 soll noch dieses Jahr erscheinen) erfordert Java (Version 1.4.1) sowie eine Oracle 9i-Datenbank, da die Software eingebettete Transaktionen verwendet, die zurzeit nur von Oracle oder DB/2 unterstützt werden. Es wird aber Geld gesammelt, um eine total freie Version anbieten zu können, die auf PostgreSQL oder MySQL aufsetzt.
Der Compiere-Server basiert auf JBoss und den Java Management Extensions (JMX) [3]. Alle Serverdienste sind als dynamisch verwaltete Beans (Dynamic Managed Beans - MBeans) implementiert.
Überblick:
- JBoss Server (JMX-kompatibler MBean Server)
- Compiere Server Services (JMX-kompatible Dynamic MBeans)
- Accounting Server
- Request Server
- Utility Server
-
Webserver & Servlet Container (JBoss/Jetty)
- EJB Container (JBoss) [4]
Diese Architektur ermöglicht:
- Verwalten der MBeans (start/stop/..) und Statuskontrolle (local und remote)
- Integration eines SNMP-(Simple Network Management Protocol)Managers oder CIM/WBEM-Managers
- Hinzufügen von eigenen Erweiterungen und anderen J2EE-Applikationen

Funktionalitäten im Überblick

Geschäftsprozesse abbilden
Die Compiere-Feature-Liste ist beeindruckend. Compiere ist mehrsprachig, mehrwährungs- und mandantenfähig. Man kann Compiere plattformübergreifend von einem Webbrowser aus benutzen oder unter Windows einen nativen Client einsetzen, der weitgehend mit der Java-Browser-Lösung übereinstimmt. Compiere hebt sich von anderen Produkten dadurch ab, dass es alle Geschäftspartner in einer gemeinsamen Datenstruktur speichert. Auf die klassische Unterscheidung und separate Speicherung von Lieferanten, Kunden, Interessenten und Marketingadressen wurde verzichtet, sodass statt bloßen CRMs ein allgemeiner einsetzbares Geschäftspartnermanagment zur Verfügung steht.
Compiere ist gedacht für KMUs mit einem Umsatz zwischen zwei und 200 Millionen Euro sowie Verteiler- und Franchisenetzwerken mit einem Bedarf an solidem Supply Chain Management. Außerdem kann Compiere auch als ASP-Lösung eingesetzt werden, denn es ist mandantenfähig.
Geschäftsperspektiven
Grundlage für das Design von Compiere waren Geschäftsprozesse und nichttraditionelle Abteilungen, die in KMUs heute sowieso kaum mehr zu finden sind. So ergeben sich sechs verschiedene Blickwinkel auf das Unternehmen.
Im Bereich Quote to Cash geht es um die Geschäftsprozesse, die zwischen der Angebotserstellung und dem Zahlungseingang am Ende eines Auftrags liegen. Von der Angebotserstellung (mit kundenspezifischen Preislisten) über Aufträge und Lieferscheine bis zu Ausgangsrechnungen ist alles vorhanden. Bei Bedarf werden die angebotenen Artikel auch gleich im Inventar reserviert beziehungsweise zurückgestellt, wenn gerade nichts da ist. Jeder Kunde hat sein eigenen Rechnungsplan, über den geregelt wird, wann anstehende Rechnungen nun wirklich geschrieben werden: gleich nach Auftragseingang, nach Auftragsende, einmal pro Monat oder vielleicht sogar manuell.
Requistion to pay kümmert sich um die finanztechnischen Aspekte: Belege können aus Aufträgen oder Rechnungen generiert werden, verschiedene Zahlungsarten (Barzahlung, Kreditkarte, VeriSign PayFlow Pro) werden ebenfalls unterstützt. Kontobewegungen können manuell erfasst oder automatisch geladen werden.
Das Customer Relations Management ist kein unabhängiges Modul, sondern die logische Ansicht aller vorhandenen und potenziellen Kunden. Kundenaktivitäten, Marketingkampagnen und Profitabilitätsanalysen sind hier zu finden. Es ist hier auch möglich, eine Self Service Online Inquiry einzurichten, mit der ein Geschäftspartner seine aktuellen Daten über das Web einsehen kann. Beim Partner Management werden ähnliche Funktionen wie beim CRM ausgeführt, allerdings hier über mehrere verteilte Server. Beide Management-Funktionen sind dabei ein integrierter Bestandteil der Geschäftsprozesse, sodass im Gegensatz zu traditionellen CRM-Systemen keine getrennten Batch- oder Synchronisations-Prozesse notwendig werden.
Im Supply Chain Management werden die rein materiellen Aspekte eines Unternehmens verwaltet: Inventar, Lieferungen oder Verschiebungen zwischen Zulieferern, dem Unternehmen und dem Kunden. Hier finden sich auch kundenspezifische Produktkataloge und Preislisten wieder. Die Performanzanalyse (Controlling) deckt alle Kosten- und Buchhaltungsaspekte der Anwendung ab. In traditionellen Systemen findet man diese Funktionalität im Buchhaltungsbereich und Berichtswesen.
Der Compiere Web Store liefert alle Zutaten für eine eigene Webpräsenz. Die vorhandenen Informationen werden von Standardanwendungen mitbenutzt, daher ist auch hier keine Synchronisation oder zusätzliche Integrationsarbeit notwendig. Die Web Store-Komponente lässt sich natürlich an die Corporate Identity der Website anpassen.
Alternative: GNU Enterprise
Das GNU-Enterprise-Projekt [5] ist ein ebenfalls sehr ambitioniertes und viel versprechendes Projekt, welches von der Personalverwaltung, Buchhaltung, vom Projektmanagement bis hin zum Supply Chain Management und eCommerce alles abdecken soll.
Im GNUe Core sind allgemein verwendbare Werkzeuge zu finden, zum Beispiel ein Formular-Interface, Berichtssysteme, der Applikationsserver und das allgemeine Entwicklungs-Framework.
Auf Anwendungsebene gibt es diverse Pakete, die die einzelnen Aufgabenbereich abdecken:
- Buchhaltung: Aktiva, Passiva, Berichtswesen etc.
- Budgetverwaltung: Prognosen, Analysen, Contolling, Audits etc.
- Customer Relationship Management: Verkäufe, Help Desk etc.
- eCommerce: eShopping, eMerchandising, eOrder Processing etc.
- Personal: Personalstamm, Löhne und Gehälter, Zeiterfassung etc.
- Projektmanagement: Ressourcenverwaltung, Kostenschätzung etc.
- Forschung und Entwicklung: Fehlerverwaltung, Statistiken etc.
- Supply Chain Management: Inventar, Warenein- und -ausgang
- Point of Sale: Ladentätigkeiten
Fazit
Es kann sich also durchaus lohnen, sich gründlich mit den vorhandenen Open Source-Alternativen auseinander zu setzen, bevor man sich - auf Gedeih und Verderb - einem Anbieter eines proprietären Systems ausliefert, dessen Zukunft ungewiss ist.
Thailand lokalisiert Compiere
Financial Times im Juli 2003 [6]:
Firmen in Thailand können mit Compiere eine 10-mal billigere Softwarelösung einsetzen.
Fragen an einen propietären ERP-Verkäufer
Auf der Website des GNU Enterprise-Projekts finden sich (in etwas anderer Form) die folgenden grundlegenden Fragen, mit denen man einem Anbieter eines proprietären ERP-Systems in einem Verkaufsgespräch auf den Zahn fühlen kann.
1. Wie viel zahle ich und darf ich dafür nicht wissen, wie es funktioniert?
Manchmal bekommt man technische Dokumentationen wie Datenbankschemas, dann allerdings mit Auflagen (Non-Disclosure Agreement, gesicherte Aufbewahrung). Wenn man allerdings den Quellcode auditieren (lassen) möchte, um sich gegen Trojaner, Hintertüren usw. abzusichern, bleibt man außen vor. Nicht zu vergessen ist (gerade für zertifizierungswillige Unternehmen) der Dokumentationsaspekt. Die vorhandenen GNU Enterprise-Anleitungen stehen unter der GPL-Dokumentenlizenz und können problemlos als Basis eigener Handbücher verwendet werden.
2. Bin ich für das Softwarepaket zu klein?
ERP-Software ist oft auf die Bedürfnisse von (zahlungskräftigen) Großunternehmen ausgerichtet, obwohl Mittelständler vom Einsatz eines passendes ERP-Systems ebenso profitieren können. Da der große Markt mittlerweile aber ziemlich gesättigt ist, versuchen die Hersteller die Software bei KMUs unterzubringen, wo sie aber oft überdimensioniert ist.
3. Was passiert, wenn meine Geschäftstätigkeit sprunghaft ansteigt?
Bei Compiere und GNU Enterprise wird im schlimmsten Fall eine hochwertigere Hardwareausstattung notwendig, um das gestiegene Datenvolumen bewältigen zu können. Viele propietäre ERP-Anbieter verwenden dagegen ein aktivitätsbasiertes Lizenzmodell, bei dem sich eine höhere Transaktionsrate auch in höheren laufenden Kosten niederschlägt.
4. Welche Standards unterstützt die Software und wie sind sie lizenziert?
Das System muß von Grund auf offen sein für alle gängigen Standards, die man einsetzen will.
5. Welchen Support kann ich bekommen?
Die meisten Supportangebote werden auf Großkunden ausgerichtet sein. Und eine garantierte Reaktionszeit sagt noch nichts über die Qualität der Antwort aus. Im Open Source-Bereich stehen dagegen verschiedene Consultants in Konkurrenz zueinander. Und dann gibt es immer noch die Möglichkeit, die Kompetenzen im Haus selbst aufzubauen.
6. Wie kann ich ein Paket an meine Anforderungen anpassen (lassen)?
Manche Anbieter versuchen, den Spieß umzudrehen und den Kunden dazu zu bringen, ihren Geschäftsablauf so zu gestalten, dass die Software ohne Änderungen läuft. Wenn Anpassungen ausgeführt werden, liegen die Kosten dafür oft in der gleichen Größenordnung wie der reine Kaufpreis für die Software. Und es ist nicht sicher, ob die Anpassungen bei einem Update nicht noch einmal ausgeführt werden müssen.
7. Was passiert, wenn Sie Pleite gehen oder aufgekauft werden?
Soll ja gelegentlich vorkommen. Manche Anbieter haben komplizierte treuhänderische Vereinbarungen getroffen, die den weiteren Einsatz der Software garantieren sollen. Setzt man Open Source-Software ein, stellt sich diese Frage überhaupt nicht.
8. Was passiert, wenn wir nicht zusammen auskommen?
Oft stehen zwischen dem Hersteller und Endkunden von ERP-Software einer oder mehrere Zwischenhändler mit Monopolrechten für ein bestimmtes Gebiet. Was also tun, wenn die Beziehung mit diesem Single Point of Failure zusammenbricht?
9. Wie oft muß ich upgraden?
Proprietäre ERP-Anbieter sichern sich mit zwangsweisen Upgrades ein regelmäßiges Einkommen. Einige Anwender haben so in wenigen Jahren eine Reise vom Terminal (green screen) über PC-basierte Client-Server Systeme zu webbasierten multi-tier-Produkten hinter sich gebracht. Und jeder Schritt war mit beträchtlichen Kosten für Hardware, Consulting und Schulungen verbunden.
10. Wie schnell passt sich die Software an externe Änderungen an?
Gesetze und Vorschriften ändern sich. Bei Open Source-Projekten ist von vornherein klar, dass man im Zweifelsfall selbst eingreifen muss, wenn Aktualisierungen in einem bestimmten Umfang zu einem bestimmten Termin abgeschlossen sein müssen. Bei proprietären Systemen müssen solche Fragen auf jeden Fall im Rahmen eines Wartungsvertrags geregelt sein.
Verwandte Projekte
Es gibt noch einige weitere Projekte für den Business-Bereich, die einen gründlichen Blick wert sind:
- Bayonne ist im Prinzip ein Telefonieserver, mit dem Telefonapplikationen für GNU Enterprise entwickelt werden können. Damit könnten auf preiswerter Hardware neben vielen anderen Applikationen zum Beispiel Testergebnisse zurückübermittelt werden oder ein automatischer Terminabgleich durchgeführt werden.
- GNU BIS [7] ist eine CRM-Lösung zum Aufbau von Open Source-basierten Unternehmensportalen. In einem kollaborativen Framework können außer Kundenkontakten auch die übrigen Firmenkontakte verwaltet werden. Die Software ist in PHP und Perl geschrieben. Die aktuelle Release 0.7 enthält Funktionen für das Projektmanagement sowie Produkt- und Serviceunterstützung.
- Dolibar [8] ist ein Baby-ERP und CRM-System, das vor allem für sehr kleine Firmen und Freiberufler interessant sein dürfte.
- Anteil [9] ist ein PHP-webbasiertes CRM-System. Datenabstraktion, Transaktionen, Logging und Replikation werden unterstützt.
- FacturaLUX [10] ist eine ERP- und CRM-Software, die auf Qt 3.0 mit QtDesigner, QTLinguist und PostgreSQL beruht. Die Zielgruppe ist wie bei Compiere der Mittelstand, aber das System steckt noch in den Kinderschuhen.
- SQL-Ledger [11] ist ein ausgereiftes Buchhaltungssystem. Die einfache Integration in ERP-Systeme, sowie die LaTeX-Templates für ansprechende Ausgaben gefallen uns. In naher Zukunft wird SQL-Ledger auch ein Lohn-Subsystem enthalten. Unter der Haube arbeitet Perl mit einer PostgreSQL- oder Oracle-Datenbank. SQL-Ledger wurde ursprünglich entwickelt, um einfach über das Web Rechnungen zu erfassen und die weitere Abwicklung (Bezahlung, Mahnung etc.) zu verfolgen. SQL-Ledger könnte langfristig ein Intuit-Konkurrent werden.
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