Mittwoch, 23. Mai 2012

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April 2006
aus Linux Enterprise Ausgabe: 03.2004
CMS-Lösungen fürs Volk?
Weblogs und Wikis
von Matthew Langham

Die ursprüngliche Vision von Tim Berners Lee, der Vater des Webs, war es, ein Medium zu schaffen, das kollaborativ sowohl gelesen als auch geschrieben werden konnte. Bereits 1990 schuf er mit dem World Wide Web ein Tool, das sowohl Webseiten anzeigen als auch editieren konnte. Später wurde das Tool in Nexus umbenannt [1] und das WWW begann seinen Siegeszug. Im Laufe der folgenden Jahre setzte sich stärker das Lesen des Webs mittels eines Browsers (engl.: to browse - durchblättern, stöbern) durch. Die Möglichkeit, das Web mittels eines solchen Tools auch zu beschreiben, geriet immer mehr in Vergessenheit.Derzeit erlebt der Browser als Editiertool so etwas wie eine Renaissance. Die zunehmende Popularität von Weblogs und Wikis beruht nicht zuletzt darauf, dass hier gezielt der Browser zum Erstellen der Seiten verwendet wird. Da sowohl Weblogs als auch Wikis dazu dienen, Informationen zu sammeln, zu ordnen und zu veröffentlichen, kann man sie durchaus als Ausprägungen eines Content Management-Systems betrachten.


Weblogs im Überblick
Ein Weblog (oder kurz nur Blog) ist eine chronologisch geordnete Webseite, die regelmäßig aktualisiert wird. Üblicherweise ist ein Weblog so aufgebaut, dass die neuesten Einträge oben und damit sofort ersichtlich sind. Solche Seiten gibt es eigentlich schon seit den ersten Tagen des Internets. Allerdings wurden sie erst ab 1999 zu einem selbstständigen Thema unter dem Namen Weblog. Ein wichtiger Grund hierfür war sicherlich das Aufkommen einfacher Möglichkeiten, solche Seiten zu erstellen. Die Herkunft des Namens ist nicht eindeutig geklärt, allerdings gilt John Barger als einer der Namensgeber [2]. Der 11. September 2001 gilt als Starttermin für die öffentliche Wahrnehmung von Weblogs als Kommunikationsform.

Weblogs sollen sich durch eine menschliche Stimme auszeichnen. Daher findet man in Weblogs immer auch eine persönliche Note. So ist es nicht außergewöhnlich, wenn der Weblog-Autor zwischen den eher fachlich orientierten Beiträge auch aus seinem Privatleben erzählt. Weblog-Autoren fungieren oft als Herausgeber oder Kommentator von Informationen, die sie woanders im Internet gefunden haben (wie z.B. [3]). So bestehen viele Weblogs aus Links auf interessante Informationen mit jeweils einem Kommentar oder einer Ergänzung durch den Weblog-Autor. Obwohl eine Themenvorgabe nicht zwingend ist, konzentrieren sich viele Autoren auf bestimmte Themen und erzeugen dadurch so etwas wie ein themenbezogenes Netz-Journal.

Weblogs werden überwiegend von einer Einzelperson geschrieben - allerdings gibt es auch die Möglichkeit von Gruppenweblogs. Hier erstellen dann mehrere Leute gemeinsam die Beiträge. Als Beispiel für ein solches themenbezogenes Gruppenweblog sei an dieser Stelle Mobitopia aufgeführt [4]. Weblogs machen sehr stark Gebrauch von der Verlinkungsmöglichkeit in HTML. Somit kann man dann von einem Beitrag zu weiteren Informationen oder ergänzenden Beiträgen (vielleicht auf anderen Weblogs) sehr einfach hin und her springen. Von Weblog-Autoren wird geradezu erwartet, dass sie in ihren Beiträgen häufig Links einsetzen.

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, einen Weblog zu führen. Es gibt Weblog-Provider wie Blogger [5] oder TypePad [6], die eine komplette Umgebung anbieten und betreiben. Bei diesen Anbietern muss man sich nur anmelden und kann dann sofort mit der Erstellung eines eigenen Weblogs beginnen. Die einzige Vorraussetzung ist ein Internet-Zugang und ein Browser. Die Kosten für einen solchen Weblog variieren je nach Anbieter von umsonst (dann aber mit Werbung) bis ca. 15 Dollar im Monat. Die Firma Userland [7] bietet mit ihrem Produkt Radio eine Kombination aus Client-Software und Hosting-Service an. Mit Radio erstellt man in der Client-Software (die Browser-basiert ist) die Beiträge, die dann auf dem Userland-Server gehostet werden.

Wünscht man mehr Kontrolle über die technische Seite des Weblogs, muss man sich um die Einrichtung und Betreibung selber kümmern. Es gibt vorgefertigte Pakete wie MovableType [8] die man nur herunterladen und installieren muss. Hierfür muss man über einen entsprechend erreichbaren Rechner im Internet verfügen. Weblogs bieten mehrere Möglichkeiten der Leserverfolgung. Mittels so genannter Trackbacks wird automatisch registriert, wenn jemand auf einen eigenen Beitrag Bezug nimmt. Diese Funktionalität wird allerdings nicht von allen Weblog-Lösungen unterstützt. Weblog-Pakete wie Radio liefern zu einem einzelnen Weblog die Anzahl der Zugriffe und von woher die Leser gekommen sind (sog. Referrer-Listen). Eine Liste der zuletzt aktualisierten Weblogs erhält man über weblogs.com. Alle Weblog-Pakete melden sich dort, wenn ein neuer Beitrag erstellt oder geändert wird.

Wikis im Überblick
Wikis wurden im Jahre 1995 von Ward Cunningham erfunden. Ziel eines Wikis ist es, einer Gruppe von Personen zu erlauben, gemeinsam Information zusammenzutragen. Hauptmerkmal eines Wikis ist die Tatsache, dass jede veröffentlichte Seite sofort editiert werden kann. Hierzu existiert auf jeder Seite ein entsprechender Link (Edit this page). Die Einträge in einem Wiki sind nicht kalendarisch geordnet, sondern können frei eingefügt, verschoben oder auch gelöscht werden. Typische Anwendungsfälle sind z.B. Online-Lexika [9], Projektdokumentation [10] oder Sammelstellen für Community-Dokumentation [11].

Wenn man selber ein Wiki betreiben möchte, so muss man eine entsprechende Implementierung herunterladen und installieren. Eine entsprechende Liste der verfügbaren Lösungen findet man im Internet [12]. Beschäftigt man sich zum ersten mal mit einem Wiki, so wird man sich eventuell ein wenig über die rudimentäre Technik ärgern. Allerdings ist es gerade diese Einfachheit, die dazu führt, dass man sich schnell in Wikis zurecht findet und selbst eigene Einträge erstellen kann. Auch ist der Zugang zu einem Wiki meistens so gestaltet, dass man sich nicht anmelden muss. Dies bedeutet, dass jeder Autor dann die Seiten editieren oder löschen kann. Ein Missbrauch kommt weitaus seltener vor, als man erwarten würde.

Obwohl Weblogs und Wikis für ganz unterschiedliche Einsatzszenarien entwickelt und eingesetzt werden, verfügen sie doch über eine Menge an Gemeinsamkeiten.

Strikte Trennung von Daten und Layout
Sowohl Wikis als auch Weblogs trennen die Darstellung der veröffentlichten Seiten vom Inhalt. Dies bedeutet, dass man sich als Autor eines Beitrags nur um den Inhalt kümmern muss. Die Darstellung der HTML-Seiten erfolgt dann mittels HTML-Templates und zusätzlichen Möglichkeiten wie CSS. Allerdings erlauben sowohl Weblogs als auch Wikis eine einfache Formatierung der Texte mit Attributen wie fett, kursiv oder die einfache Einbindung von Links.

Der Browser als Editierwerkzeug
Derzeit können Wikis ausschließlich mittels eines Browsers editiert werden. Hierzu findet man auf jeder veröffentlichten Wiki-Seite einen entsprechenden Vermerk. Klickt man auf diesen Link, so erhält man die entsprechende Seite in einem Edit-Field. Dann kann der Autor nach Herzenslust den Inhalt ergänzen oder anpassen. Wikis verwenden für Textformatierungen eine eigene Syntax - der am Anfang ein wenig für Verwirrung sorgen kann. Die Wiki-Befehle sind aber sehr einfach zu erlernen und anzuwenden.


Abb. 1: Editieren eines Wiki-Beitrags im Browser

Ein Weblog lässt sich ebenfalls sehr einfach mittels eines Browsers pflegen. Üblicherweise findet man eine Unterstützung für einfache Formatierungen und für das Einfügen von Links. Ist der Beitrag fertig, so hat man die Möglichkeit, zwischen einem einfachen Abspeichern (z.B. wie ein Entwurf) oder man veröffentlicht den Beitrag sofort.


Abb. 2: Editieren eines Weblog-Beitrags

Verwendet man in beiden Fällen den Browser als Editiertool, so wird der Inhalt sofort auf dem entsprechenden Server abgespeichert. Es gibt keine lokale Kopie. Dies hat aber den Vorteil, dass die Erstellung neuer Beiträge von überall möglich ist. So kann man z.B. ein Reise-Weblog führen und benötigt in den jeweiligen Städten der Tour dann nur Zugang zum Internet (z.B. in einem Internet-Cafe), um das Reisetagebuch zu pflegen.

Für das Erstellen von Weblog-Beiträgen existieren inzwischen auch andere Editierwerkzeuge, die man auf dem lokalen Rechner installieren muss. Sie bieten zwar ein wenig mehr Komfort - aber die Nutzung ist dann auf den jeweiligen Rechner begrenzt.

One-Button Publishing
Die Bereitstellung neuer Seiten im Netz ist mit Wikis und Weblogs besonders einfach. Die Generierung der fertigen HTML-Seiten und evtl. von zusätzlichen Formaten geschieht automatisch mit dem Abschicken des Inhalts. Man muss sich also nicht darum kümmern, die HTML-Seite mittels FTP auf dem Server hochzuladen. Diese Aufgabe leistet dann die Software selbst.

Durch die einfachen Veröffentlichungsprozeduren ist der Autor sehr schnell in der Lage, seine Beiträge im Internet wiederzufinden. Diese so genannte Instant Gratification (sofortige Belohnung) ist ein wichtiger Ansporn für Autoren, regelmäßig Artikel und Beiträge zu erstellen.

Mein Geschwätz von gestern
Die Möglichkeit, Änderungen an den Inhaltsseiten verfolgen zu können, ist sicherlich eine wichtige Eigenschaft eines CMS. Auch Wikis unterstützen diese Notwendigkeit durch die Möglichkeit, eine Seitenhistorie aufrufen zu können. So erhält man dann einen Überblick über den Autor, den Zeitpunkt der Änderung und die Unterschiede zwischen den Versionen. Es lassen sich dann auch frühere Versionen wieder als die aktuelle Version übernehmen.

Weblogs unterstützen dieses Feature nicht so umfangreich wie die Wikis. Bei Weblogs hat man die Möglichkeit zu sehen, wer einen Beitrag erstellt hat und wann dieser Beitrag ins Netz gestellt wurde. Es existiert heute meines Wissens keine Weblog-Software, die zu einzelnen Beiträgen eine Versionshistorie bereitstellt. Diese Tatsache führt auch oft zu Verwirrungen, da Beiträge auf die man verlinkt hat dann z.B. einen überarbeiteten Inhalt enthalten können. Bei Weblogs hat man aber die Möglichkeit, auf ältere Beiträge mittels eines Archivs zuzugreifen.

Wo ein Link ist
Die Verlinkung zwischen Beiträgen ist eines der Hauptmerkmale eines Weblogs. Durch die gegenseitige Verlinkung entstehen Netzwerke zu bestimmten Themen. Da verschiedene Autoren sich mit ähnlichen oder gleichen Themen beschäftigen (z.B. Mitarbeiter von IBM und Microsoft beschäftigen sich mit Web Services) entsteht durch die Weblog-Verlinkung auch eine offene Diskussion zu den verschiedenen Aspekten.

Auch Wikis fördern die Verlinkung. Sie bieten sehr einfache Möglichkeiten, Links zu anderen Seiten innerhalb des Wikis oder zu externen Quellen zu erstellen.

RSS Publizieren
RSS wurde bereits in [13] ausführlich dargestellt. Für diesen Artikel reicht die Erklärung, dass es sich bei RSS um ein XML-Format handelt, das im Bereich der Syndizierung eingesetzt wird. Da es sich bei RSS um ein standardisiertes Format handelt, lassen sich RSS-Quellen sehr einfach in andere Programme oder Webauftritte integrieren. So kann man in Portallösungen, wie sie z.B. von dem Apache Open Source-Projekt Cocoon [14] angeboten werden, sehr einfach RSS-Quellen einbinden und veröffentlichen. So genannte RSS-Aggregator erlauben es, die oft gelesenen Seiten als RSS-Links anzugeben. Der Aggregator holt dann automatisch die Daten und zeigt sie an. Ein Beispiel für einen solchen Aggregator ist NetNewsWire, ein Programm für Mac OS X.


Abb. 3: NetNewsWire für Mac OS X

Die heute verfügbaren Weblog-Lösungen sind in der Lage, die Artikel als RSS zu veröffentlichen. Eine Ausnahme ist derzeit das kostenlose Angebot von Blogger.com. Wikis veröffentlichen die durchgeführten Änderungen (entspricht der Seite Recent Changes) als RSS. Somit bleibt man immer auf dem laufenden über Änderungen, die innerhalb des Wiki-Systems stattfinden.

Einsatz im Enterprise
Obwohl Wikis und Weblogs ihren Siegeszug im Internet begonnen haben, werden beide Systeme bereits innerhalb von Unternehmen eingesetzt. Ein Wiki lässt sich sehr gut zur Informationssammlung innerhalb eines Projekts oder als virtuelles Whiteboard innerhalb einer Abteilung einsetzten. Weblogs werden innerhalb von Unternehmen als interner Informationskanal eingesetzt. Da Weblogs sich durch eine persönliche Stimme auszeichnen, lassen sie sich sehr gut einsetzten, um z.B. einem Unternehmen ein persönliches Gesicht zu geben. So findet man bereits Weblogs im Netz, die von Firmenvorständen oder Produktmanagern geführt werden. Man darf allerdings nicht den Fehler machen und ein Firmenweblog so gestalten, als wäre sie nur eine weitere Seite im Unternehmenswebauftritt. Mitarbeiter die einen Weblog im Rahmen eines Firmenauftritts schreiben, sollten sehr genau wissen, was sie veröffentlichen dürfen und was nicht. Vereinzelt ist es bereits zu Abmahnungen oder Entlassungen gekommen, weil Firmeninternes auf einem Mitarbeiterweblog veröffentlicht wurde.

Fazit
Nicht zuletzt die heutige Allgegenwärtigkeit des Internets (z.B. mittels WLAN-Netzwerke) unterstützt die Verbreitung von Weblogs und Wikis. Die Erstellung von Beiträgen ist mit dem Browser inzwischen sehr einfach geworden. In manchen Bereichen konkurrieren Weblogs bereits mit traditionellen Medien wie Zeitungen. Wikis erlauben eine kollaborative Sammlung, Sortierung und Veröffentlichung von Informationen. Zusammen mit den anderen Eigenschaften, die in diesem Artikel aufgeführt wurden, stellt man in Teilbereichen eine Überschneidung mit Features von eher traditionellen Content Management-Systemen fest. Daher lohnt es sich, für bestimmte Anwendungsfälle den Einsatz eines Wikis oder Weblogs zu prüfen.

Literatur und Links


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