Donnerstag, 4. Dezember 2008





April 2006
aus XML & Web Services Magazin Ausgabe: 3.2004
Allheilmittel?
Die Universal Business Language
von Wolfgang Kelz

Was HTML und HTTP für die Welt des Internet-Publishing bedeutet haben, soll in Kürze die Universal Business Language (UBL) für den Austausch von Geschäftsdaten und die Abwicklung von Transaktionen werden: eine universelle, flexible und vor allem kostenfreie Sprachplattform.


Im April wird die erste Spezifikation der Universal Business Language (UBL) dem Standardisierungsgremium OASIS (Organisation for the Advancement of Structured Information Standards) vorgelegt. OASIS hat den Standard ebXML für den Austausch von XML-Geschäftsdaten im Internet geschaffen. Sobald OASIS die Spezifikation akzeptiert hat, wird sie anderen Gremien als Standard vorgeschlagen. Wird die UBL ein kostenlos verwendbarer XML-Standard - oder nur ein weiteres Akronym in der Buchstabensuppe der XML-Welt?

Die OASIS-Verantwortlichen hoffen nicht, dass dieser Fall eintritt. Schließlich arbeiten sie seit rund zwei Jahren an der Schaffung eines neuen Standards, dessen wichtigster Zweck darin besteht, eben diesen Wirrwarr an eBusiness-Standards zu beenden. Das soll nicht heißen, dass die UBL alle Investitionen mit einem Schlag sinnlos macht, denn sie soll auf den wichtigsten vorhandenen Standards aufsetzen, muss also flexibel einzusetzen sein.

Anliegen und Aufbau der UBL
XML hat sein Versprechen, einen Standard sowohl für das Publishing als auch für Transaktionsdaten bereitzustellen, nicht einlösen können. Jede Branche, sei es Chemie oder Autofertigung, hat ihren eigenen XML-Dialekt entwickelt - wie in alten EDIFACT-Tagen. Die Übersetzung zwischen XML-Dokumentenstandards ist, aufgrund der fehlenden Semantik, entsprechend aufwändig. Den branchenübergreifenden Dialog soll nun UBL ermöglichen (siehe Abb. 1).


Abb. 1: Die UBL soll den brachenübergreifenden Dialog ermöglichen


Jon Bosak, Vater von XML und Vorsitzender des UBL Technical Comittee der OASIS, hat sich bei der Schaffung der UBL auf die Fahnen geschrieben, Unternehmen jeglicher Größe einen einheitlichen Standard für eCommerce an die Hand zu geben, der auf verbreiteten Geschäftsdatenstrukturen basiert. Dieser Standard soll auf 80 Prozent aller Branchen und eCommerce-Bereiche anwendbar sein. Die restlichen 20 Prozent erfordern Anpassungen, für die UBL Entwicklungsmöglichkeiten (Generatoren) bereitstellt. UBL ist entsprechend modular und erweiterbar aufgebaut. Die Sprache ist - da die OASIS eine nicht gewinnorientierte Organisation ist - nicht proprietär und abgesehen von einem entsprechenden IBM-Patent auch lizenzfrei. Dies könnte sich langfristig als entscheidender Überlebensvorteil im Dschungel der XML-Dialekte erweisen.

Die UBL basiert im Wesentlichen auf xCBL 3.0, dem Datenaustauschformat von CommerceOne, und ist somit eine Weiterentwicklung und Verbesserung bekannter Techniken. UBL wurde mit der bestehenden ebXML-Spezifikation der OASIS in Einklang gebracht und darauf aufbauend entwickelt, also auch im Einklang mit den vorhandenen ebXML-Bibliotheken, ihren Kernkomponenten, ihrem Vokabular und ihrem Aufbau. Sie erlaubt die Erstellung von Standardnachrichten und die UBL Context-Methodologie stellt ein Mittel bereit, Nachrichten in den gewünschten Kontext einzubetten. Der Geschäftsprozess, den die UBL 1.0 von Haus unterstützt, ist der Einkauf, also eProcurement. Es lassen sich natürlich auch andere Prozesse in der ebXML-Registrierungsdatenbank der UBL anmelden und als Web Service bereitstellen.

Die ebXML-Spezifikation sieht den Aufbau eines UBL-Dokuments aus Einzelinformationen oder BBIEs (Basic Business Information Entity) als Kernkomponenten (CCT: Core Component Type) vor. Das resultierende Aggregat aus BBIEs kann eine Objektklasse, eine weitere Entität oder eine Tabelle sein. Zwischen den Aggregaten und anderen BBIEs lassen sich Beziehungen und Hierarchien erzeugen. Eine solche BBIE kann also eine Adresse sein, ein Vertragspartner oder ein Artikel in einer Liste. Das Konzept dahinter folgt Prinzipien aus der Unified Modeling Language (UML) und der Entity/Relational-Modellierung. UBL verwendet sogar UML, um diese Konzeptmodelle auf einer hohen Abstraktionsebene bereitzustellen.
Eine Menge von rigorosen Bezeichnungs- und Design-Regeln (Naming and Design Rulses, NDR) sorgt für eine einheitliche Darstellung von BBIEs. Sie entsprechen insgesamt den standardmäßigen XML Schema-Elementen. Tatsächlich kann die UBL automatisch aus assemblierten, vernetzten BBIEs und den darauf fußenden hierarchischen Dokumentenmodellen die entsprechende XML Schema-Sprache erzeugen, so etwa XML XSD, aber auch in ANS.1 (Abstract Syntax Notation), einen verbreiteten ISO-Standard für Datenformate in Kommunikationsprotokollen. Die Folgen sind weitreichend: ANS.1 wird in vielen Tools genutzt und erlaubt eine komprimierte Übertragung. Die häufig beklagte Aufgeblähtheit von XML-Codes gehört damit der Vergangenheit an.

Die endgültige Darstellung im Layout erfolgt abhängig von der jeweiligen Anwendung, die darauf ihre Stylesheets anwendet. UBL 1.0 liefert bereits frei Haus Geschäftsdokumente für den Einkauf sowie Stylesheets, die sich mit XSL:FO in HTML oder PDF konvertieren lassen.

Anwendbarkeit
Die UBL wird in zwei Phasen entwickelt. Seit Januar 2003 stand die Version 0.7 - die grundlegenden Schemata, Datenmodelle, Beispiele, Formatvorlagen und unterstützendes Material - zur öffentlichen Kritik im Netz. Die Datenmodelle mussten stark überarbeitet werden. Im Februar 2004 wurde die Endfassung von UBL 1.0 der OASIS vorgelegt. Im April soll sie zu einer Technical Specification der OASIS gemacht und internationalen Gremien vorgestellt werden. Die Version 2.0 ist schon in Vorbereitung.
UBL dürfte erst dann ein Erfolg beschieden sein, wenn sie sich flexibel jedem gewünschten Kontext anpassen lässt, also etwa dem deutschen Autohandel. Dafür hat UBL eine kurzfristige und eine langfristige Strategie parat. In UBL 1.0 besteht die kurzfristige Strategie darin, Richtlinien für die manuelle Erweiterung der allgemeinen UBL-Datenmodelle auszugeben. OASIS erwartet, dass Branchenorganisationen für Datenaustausch diese in eigene UBL-Dokumente umsetzen. UBL bemüht sich, die Kosten für die Dokumentenerstellung zu minimieren und die Code-Wiederverwendung zu maximieren.
Für die Zeit nach der Version 1.0 ist die Schaffung einer Technik geplant, die die automatische Erzeugung spezifischer Dokumenttypen je nach gewünschtem Geschäftskontext erlaubt. Die UBL baut bei der Entwicklung dieser Kontextmethodologie auf die bereits in ebXML realisierte Identifizierung von wichtigen Kontextdeterminanten wie Geschäftsprozess, Branche, gesetzlichen Richtlinien (z.B. Mehrwertsteuer) usw. auf.

Der Anspruch der UBL ist durchaus hoch. Sie soll eine ernst zu nehmende und rechtlich verbindliche Plattform darstellen, um damit elektronische Geschäfte abzuwickeln. Deshalb ist auch die Integration von Geschäftsvereinbarungen, Verträgen, Regulatorien usw. vorgesehen (siehe Abb. 2). Die UNO ist über ihre Handelsgestaltungsgremien (insbesondere für GATT) in den Gestaltungsprozess eingebunden, wie schon bei ebXML. Mit UBL ließe sich jegliche Art von eCommerce oder Procurement-Lösungen erzeugen bzw. unterstützen.


Abb. 2: Die UBL als universelle Plattform

Relevanz
Der zunächst wichtigste Einsatzbereich der UBL ist dort zu finden, wo Interoperabilität entscheidend ist, also bei Unternehmen, die mit Partnern aus unterschiedlichen Branchen kooperieren. Solch ein Unternehmen muss mehrere Versionen gebräuchlicher Geschäftsdokumente entwickeln und ständig pflegen - ein hoher Aufwand. Das Gleiche gilt für das Schreiben und Warten mehrerer Adapter für die verschiedenen XML-Geschäfts-Schemata. Das Vorhandensein mehrere XML-Formate erschwert es, XML-Nachrichten mit Backend-Systemen (ERP, Wawi, Fibu) zu verknüpfen. Die Pflege mehrerer XML-Formate macht entsprechende Werkzeuge teurer und Fachkräfte schwieriger zu finden. Zu guter Letzt: Nur ein einziger öffentlich verwalteter, nicht proprietärer Standard kann als rechtlich bindende Form für gebräuchliche Geschäftsdokumente dienen. (Bislang hat sich hier ebXML erfolgreich gezeigt.)

Die Hauptvorteile eines einheitlichen Standards für geschäftliche XML-Nachrichten bestünden also in geringeren internen und externen Integrationskosten durch die Wiederverwendung gemeinsamer Datenstrukturen. Die Kosten für kommerzielle Software würden sinken, denn ein Programm, das für die Verarbeitung eines bestimmten Satzes von XML-Attributen entwickelt wird, ist viel billiger als eines, das unendliche viele solcher Tag-Sets verarbeiten können soll. Für nur eine einzige Komponenten-Bibliothek ist die Lernkurve niedriger als für mehrere und eine standardisierte Schulung produziert eine hohe Zahl von Fachkräften, was wiederum deren Preis senkt. KMUs können in die UBL-Technik schneller und günstiger einsteigen als bisher.

Resonanz im Markt
UBL beschreibt die Semantik von XML-Dokumenten und basiert auf XSD. Demzufolge kann jeder Web Service- und XML-Anbieter bereits Payloads im UBL-Format unterstützen. Doch ob und wann sich UBL als Standard durchsetzen wird, ist weiterhin fraglich. Befürworter sehen im UBL-Einsatz eine Lösung der Kommunikationsprobleme beim Austausch von ungleichen Dokumenten verschiedener Firmen. So könnte sich UBL für komplexe Anwendungen, die auf mehreren Anwendungsdomains basieren, etablieren. Die UBL sei von ihrem Anspruch her durchaus für Integrationslösungen geeignet, wie ein deutscher XML-Softwarehersteller meint.

So viel steht fest: Es muss noch viel getan werden, um UBL für die vielen verschiedenen Transaktionstypen zu erweitern, wie Uche Ogbuji, Berater bei Forethought Inc., sagt. So definieren die EDI-Dialekte ANSI X12 und UN/EDIFACT jeweils über 300 Gruppen von Transaktionen. Von diesen müssen viele für UBL verfügbar gemacht werden, bevor ein paar Branchen UBL ernsthaft die Nutzung von UBL erwägen.

Trends
Sicherlich wäre es sehr sinnvoll, eine einheitliche und allgemein akzeptierte Sprache für den unternehmensübergreifenden Austausch von Business-Dokumenten, wie Bestellungen, Aufträge etc. zu haben. Gleichwohl zeigen Beispiele wie RosettaNet, xCBL, cXML oder EDI, wie langwierig und schwierig dieses Ziel zu erreichen ist, sodass es wohl nie eine Sprache für alle geben wird.
XML-Infrastrukturstandards wie XML Schema sind inzwischen etabliert und werden durchgängig eingesetzt. In diesem Bereich werden auch designierte Standards wie XQuery bereits aufgegriffen. Aus der Vielzahl der XML-Anwendungsstandards werden zurzeit nur wenige erfolgreich eingesetzt, wie zum Beispiel RosettaNet, XBRL, NewsML und SVG.

Pragmatische Ansätze versuchen, branchenspezifische Lösungen aufzubauen. Ein prominentes Beispiel ist RosettaNet in der High-Tech-Industrie (HTM). Andererseits dürfte es die tägliche Projektarbeit erleichtern, auf bestehende UBL-Schemata, die z.B. eine Bestellung beschreiben, zurückzugreifen, anstatt das Rad neu zu erfinden.
Wolfgang Kelz ist Manager Solution Consulting Central & Eastern Europe bei TIBCO Software.


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