Der Addison-Wesley-Verlag hat in der Software Development & Architecture Area der Systems das 10-jährige Jubiläum des Standardwerkes "Linux -- Installation, Konfiguration, Anwendung" von Michael Kofler gefeiert. Der Klassiker hat sich bereits 150.000-mal verkauft. Der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude, der auf der Systems das Open-Source-Projekt "LiMUX" vorstellte, gehörte zu den zahlreichen Gratulanten. Wir stellten Michael Kofler aus diesem Anlass einige Fragen.
Linux Enterprise: Hallo Herr Kofler! Wie kamen Sie überhaupt zu Linux?
Michael Kofler: Mein erster Kontakt mit Linux (damals Kernelversion 0.99.nn) entstand durch einen Zufall: Für ein Buch über Maple (ein Computer-Algebra-Programm) benötigte ich eine LaTeX-Umgebung, die mir meine erste Linux-Distribution (unifix) zur Verfügung stellte.

Freunde fürs Leben -- Michael Kofler und Tux.
LE: Was hat sich seit Ihrem ersten Buch 1995 in der Linux-Welt verändert?Kofler: Beinahe alles! Linux ist vom Hacker-Spielzeug zu einem einfach zu bedienenden System geworden. Es hat in manchen Segmenten (z.B. Server) einen relativ großen Marktanteil, Umsätze mit Linux-Hard- und Software überschreiten 1 Mrd. US-Dollar pro Quartal. Linux zählt neben Windows und Mac OS zu den drei am weitesten verbreiteten Betriebssystemen und seine Verbreitung steigt seit Jahren deutlich schneller als die von Windows/Mac OS. Linux ist ein "Big Player".
LE: Böse Zungen sagen, Linux sei gar nicht modern und basiere auf veraltete Technologien. Was meinen Sie dazu? Kofler: Die Frage ist immer, womit man Linux vergleicht, und welche Features man vergleicht. Tatsache ist, dass Linux in vielen technischen Details anderen Betriebssystemen und speziell Microsoft Windows weit voraus war und ist. Nur ein Beispiel: Linux unterstützte bereits 1999 64-CPUs, Windows erst seit heuer (wobei diese Version sehr wenig verbreitetet ist). Ich würde eher so sagen: Linux basiert auf gut durchdachten und ausgereiften Technologien (gerade im Internet/Netzwerk/Sicherheitsbereich) und ist nicht zuletzt deswegen wesentlich sicherer als viele andere Betriebssysteme. Dass die Benutzeroberfläche von Microsoft Windows mehr glänzt und leuchtet, ist aber unbestritten – jeder mag für sich entscheiden, was wichtig ist.

Michael Kofler beim Anschneiden der Geburtstagstorte.
LE: Ihr Buch umfasst sage und schreibe über 1.300 (!) Seiten. Wer liest heutzutage solche dicken Brocken? Kofler: Wie einen Roman wird mein Linux-Buch wohl kaum jemand lesen. Die meisten Kapitel des Buchs können unabhängig voneinander gelesen werden und viele meiner Leser verwenden das Buch jahrelang als Nachschlagewerk. Am Anfang sind eher die Installations- und Anwendungskapitel interessant, später meist fortgeschrittene Konfigurationskapitel. Jeder Leser nutzt Linux anders, also wird auch jeder Leser das Buch anders lesen ... Aber ich denke, viele Leser entdecken noch nach Jahren interessante Details, die sie beim ersten Durchblättern übersehen und in ihrer Tragweite noch nicht realisiert haben.
LE: Erzählen Sie uns von ein paar interessanten Briefen, die Sie von Ihren Lesern bekommen haben? Kofler: Da gibt's nicht viel Interessantes zu berichten: Die meisten E-Mails sind Fragen, oft zu so speziellen Hard- oder Software-Problemen, dass ich selbst nur mit google nach einer Lösung suchen kann (was aber auch nicht immer gelingt). Gelegentlich gibt es auch Danke- oder Lob-E-Mails, die freuen mich natürlich besonders.

Der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude gehörte zu den zahlreichen Gratulanten.
LE: Was glauben Sie, wo Linux in 10 Jahren von jetzt an sein wird? Kofler: Linux wird eine noch weitere Verbreitung als jetzt haben. Ich glaube eher nicht, dass es Windows einholen oder ablösen wird, aber es wird mehr Nischen besetzen als jetzt: noch stärkere Durchdringung des Server-Markts, höhere Anwendung überall dort, wo Sicherheit wichtig ist etc. Persönlich glaube ich, dass die nächsten Jahre unter dem Motto "Linux ins Büro" stehen werden. Dort sehe ich mehr Zukunftspotenzial als am Privat-PC. Linux und Open Source wird immer mehr eine ganz "normale" Alternative zu kommerziellen Systemen werden, den Hauch des Exotischen verlieren.
LE: Vielen Dank für das Gespräch!Links & Literatur